Leseprobe zu Alphanderry

Aus: Das Valashu-Epos, Band 1: Der magische Stein

Und dann, während Meister Juwain den Abwasch erledigte, spielte Alphanderry auf seiner Laute und sang uns etwas vor, bevor wir einschliefen.

Ansonsten tat er wirklich nicht viel. Natürlich ging er im Lager auf und ab, half mir dabei, die Pferde zu bürsten oder schnitt mit Keyn Äste, die in die Erde getrieben wurden - bis Keyn an seinem planlosen Hantieren so verzweifelte, dass er ihn anknurrte, er solle ihn in Ruhe lassen. Alphanderry hüpfte von einer Aufgabe zur nächsten und erledigte sie manchmal, manchmal auch nicht, doch er hatte immer Spaß dabei, sich mit demjenigen zu unterhalten, dem er gerade half. Und wir hatten große Freude an seiner Gesellschaft, denn er ging immer aus sich heraus, war heiter und stellte sich stets auf die Launen und Bemerkungen der anderen ein. Wenn er es als seine Aufgabe betrachtete, unsere Stimmung zu heben, so erhoben wir keinen Einspruch dagegen. Am Ende kam es - trotz der schmackhaftesten Speisen in unseren Mägen und trotz der geschärften Pfosten - darauf an, dass wir unsere Lebensgeister stärkten, wenn wir den Lichtstein jemals finden wollten.

Als wir in dieser Nacht auf unseren Schlaffellen saßen und Branntwein tranken, während Alphanderrys wunderschöne Stimme in die Nacht hinausströmte, tauchte Flack auf und wirbelte zur Musik herum. Dies hob meine Stimmung ganz gewaltig, und auch Meister Juwains, Marams und Ataras, denn wir hatten in Tria nicht viel von ihm zu Gesicht bekommen. Seit wir die Stadt verlassen hatten, tauchte er jedoch häufiger auf und war auch wieder aktiver, und jetzt füllte sich die Schwärze zwischen den Bäumen mit winzigen, glitzernden Sternen. Ich lachte, als ich ihn zwischen den Blumen tanzen sah, so wie er es im Wald der Lokilani getan hatte. Selbst Keyn lächelte, als Flack mit kleinen Explosionen aus Licht zum Rhythmus von Alphanderrys Gesang pulsierte. Er deutete auf die Bäume und meinte: »Dein kleiner Freund ist wieder zurück.«

Alphanderry, der dem Feuer zugewandt saß, legte plötzlich seine Laute nieder, drehte sich um und warf einen Blick auf die Bäume. Dann sah er Atara, Maram, Meister Juwain und mich an, und fragte: »Was starrt ihr denn alle so?«

Obwohl Flack seit der Nacht des Feuerwerks bei uns gewesen war, hatten wir seine Anwesenheit nicht wirklich bemerkt. Bemerkt man etwa die Sterne, die jede Nacht herauskommen? Doch manchmal, wenn die große Schwanenkonstellation und andere Sternbilder besonders hell erstrahlten, war es schwierig, nicht voller Erstaunen hinzusehen. So war es jetzt auch mit Flack.

»Ein Timpimpiri«, erklärte Keyn Alphanderry. »Er ist uns durch fast ganz Alonia gefolgt.«

Jetzt zwinkerte Alphanderry mit den Augen und starrte angestrengt auf die Bäume. Liljana tat es ihm nach. Doch beide sahen nichts als Schatten.

»Das ist ein Scherz, oder?«, meinte Alphanderry lächelnd zu Keyn.

»Ein Scherz?«, rief Keyn. »Sehe ich aus wie einer, der gerne scherzt?«

»Nein, das tust du nicht«, räumte Alphanderry ein. »Und das werden wir ändern müssen, bevor diese Reise zu Ende ist.«

»Da kannst du genauso gut versuchen, das Antlitz des Mondes zu ändern«, wandte Maram ein.

Wieder lächelte Alphanderry, während er die Bäume musterte und plötzlich ausrief: »Ha! Jetzt sehe ich ihn! Er hat lange Ohren wie ein Hase und ein Gesicht, das so grün ist wie die Blätter, die wir nicht sehen können!«

»Haha - närrischer Minnesänger!«, murmelte Keyn, während er noch einen Schluck Branntwein trank. Doch obwohl er den Becher an den Mund führte, blieb das Lächeln nicht ganz verborgen, das über seine Lippen huschte.

»Hierher, Flack!«, rief Alphanderry plötzlich. »Wieso kommst du nicht her und sagst uns hallo?«

Jetzt begann Alphanderry zu pfeifen, und der hohe Ton klang genauso süß wie die schönste Musik, die jemals auf einer Panflöte erzeugt worden war. Zu unserem Erstaunen - ganz besonders zu Keyns - wirbelte Flack vom Gebüsch herbei und bezog direkt vor Alphanderrys Gesicht Position.

»Oh Flack«, sagte Alphanderry zu der Luft vor sich. »Du bist ein braver kleiner Bursche, nicht wahr? Zu schade, dass wir Liljanas guten Eintopf bereits aufgegessen haben und jetzt nur noch etwas Brot mit dir teilen können.«

Und damit griff er nach einem Stück Brot und hielt es in der ausgestreckten Hand, als wollte er ein Eichhörnchen füttern.

»Du kannst ihn wirklich nicht sehen, nicht wahr?«, fragte Maram.

»Wie könnte er auch, er hat doch nie die Timana gegessen«, meinte Meister Juwain.

»Natürlich kann ich ihn sehen«, sagte Alphanderry. »Er ist etwas schüchtern, nicht? Komm schon, Flack, das Brot tut dir nichts.«

Als Beweis aß er selbst den größten Teil davon und ließ nur noch eine große Krume zwischen seinen Lippen hängen. Dann streckte er die Hand aus, als wollte er Flack auffordern, darauf zu hüpfen und ihm die Krume vom Mund zu picken.

Wieder sahen wir erstaunt zu, wie Flack sich auf seine Handfläche setzte. Die spiralförmigen Wirbel glitzerten voller Funken und kleiner, purpurroter Flammen.

»Ha!«, rief Keyn. »Er versteht anscheinend mehr, als wir gedacht haben. An den Timpimpiri ist offensichtlich mehr dran, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.«

»Natürlich«, sagte Alphanderry, nachdem er die Brotkrume hinuntergeschluckt hatte. »Es sind magische Wesen, die überall in den tieferen Wäldern leben. Wenn sie Essen von dir annehmen, müssen sie dir drei Wünsche erfüllen.«

»Aber Flack kann kein Essen annehmen«, sagte Maram.

»Natürlich kann er das!«, widersprach Alphanderry. »Und er hat es auch getan! Hast du es nicht gesehen?«

»Ach, da habe ich wohl gerade zur Seite gesehen«, meinte Maram grinsend. »Was sind dann also deine drei Wünsche?«

»Mein erster Wunsch ist natürlich der, dass Flack mir alle zukünftigen Wünsche gewährt.«

»Das ist Betrug!«, rief Atara.

»Mein zweiter Wunsch lautet, dass wir die unmögliche Aufgabe erfüllen und den Lichtstein finden«, fuhr er fort, ohne sie zu beachten.

»Das ist schon besser«, sagte Atara lächelnd.

»Und mein dritter Wunsch ist, dass wir das wirklich Unmögliche vollbringen und unseren grimmigen Keyn hier zum Lachen bringen.«

Keyn starrte Alphanderry finster an; eine Statue hätte kaum regloser dasitzen können.

»Nun, also«, sagte Alphanderry und stand auf, »die, äh, Timpimpiri sind zu vielen Heldentaten fähig, ob magischer Natur oder nicht. Passt bitte gut auf, wenn ihr nichts versäumen wollt.«

Alphanderry, so stellte sich heraus, war nicht nur geübt in Musik und im Gesang, sondern er beherrschte auch die Kunst der Pantomime. Er stand da, schaute auf seine geöffnete Hand und sprach zu Flack, als versuchte er, seinen unsichtbaren Freund dazu zu überreden, uns zu unterhalten. Und die ganze Zeit über zeigte seine Miene verschiedene Stimmungen und Regungen, als wäre sie so formbar wie Liljanas Brotteig. Die außerordentliche Beweglichkeit seines Gesichtes und nicht weniger das plötzliche und komische Heben und Senken seiner Stimme brachte uns alle ein bisschen zum Lachen - außer Keyn.

»Also, Flack«, sagte Alphanderry mit einer Stimme, die so arrogant und unnachgiebig klang wie die von König Kiritan, »du hast unsere Mahlzeit verspeist und musst uns jetzt gehorchen. Auf meinen Befehl hin wirst du in meine andere Hand springen.«

Alphanderry streckte jetzt die linke Hand aus, hielt sie weit weg vom Körper. Er blickte Flack an, der auf seiner rechten Hand saß, und fragte: »Bist du bereit?«

In diesem Augenblick veränderte sich sein Gesicht dramatisch und wurde viel weicher. Auch seine Stimme wurde sanfter, weiblicher; es war unmissverständlich die Stimme Königin Daryanas. Als spräche er mit sich selbst, rief diese neue Stimme: »Ist er ein Timpimpiri oder ein Sklave? Wieso lässt du ihn nicht frei?«

Jetzt imitierten Alphanderrys Gesicht und seine Stimme wieder König Kiritan, und er rief als Antwort: »Wer herrscht hier, du oder ich?«

Er blickte auf seine Hand und fuhr fort: »Wenn der König sagt 'spring', dann springst du.«

Doch bevor er als König Kiritan noch ein weiteres Wort herausbringen konnte, veränderte sich sein Gesicht erneut. Mit der Stimme von Königin Daryana meinte er: »Der König hat gesagt, dass du springen sollst, Flack. In Ordnung, spring also!«

Sofort schoss Flack von Alphanderrys rechter Hand hoch und landete im hohen Bogen auf seiner linken. Und Alphanderry, der wieder in König Kiritans Rolle geschlüpft war, tat so, als beobachte er diese Heldentat mit vor Wut schäumendem Gesicht. Seine Augen öffneten sich weit angesichts des Trotzes, den Königin Daryana an den Tag legte, und sein Blick fuhr hin und her, als er sich nun der linken Hand zuwandte.

Jetzt regte sich auch in Keyns steinharter Miene etwas. Ein schwaches Lächeln deutete sich auf seinen Lippen an. Alphanderry Possen amüsierten ihn dabei weit weniger als dessen völlige Blindheit gegenüber Flacks Existenz.

Alphanderry meinte jetzt mit der Stimme von Königin Daryana: »Rasch, Flack - spring! Spring noch einmal, spring, jetzt!«

Jedes Mal, wenn er dies sagte, hüpfte Flack von der einen Hand auf die andere, schoss wie ein lodernder Regenbogen hin und her. Und mit jedem Sprung kehrte Alphanderrys Gesicht zu den unnachgiebigen Gesichtszügen von König Kiritan zurück, während sein Blick hin und her schoss.

Maram und ich - eigentlich wir alle, außer Keyn - lachten inzwischen herzhaft. Dass er Keyn aus der Reserve zu locken vermochte, verdross Alphanderry offenbar, denn er unterbrach seine Pantomime, blickte Keyn an und meinte mit seiner eigenen Stimme: »Heh, Mann, wie kann man dich bloß zum Lachen bringen?«

»Bring ihn dazu, auf deiner Nase herumzuwirbeln«, meinte Keyn, ohne mit der Wimper zu zucken.

Alphanderry wurde wieder zu König Kiritan. »Das wäre unter unserer Würde.«

Und als Königin Daryana fuhr er fort: »Dann sollte ich ihn vielleicht auf meiner Nase herumwirbeln lassen. Flack, ich möchte, dass du-«

»Genug!«, rief Keyn aus und hob die Hand. Er stand auf, stellte sich vor Alphanderry und deutete auf Flack, der sich dicht über Alphanderrys Hand drehte. »Die Timpimpiri existieren wirklich. Sie leben im Land der Lokilani.«

»Und wer sind die Lokilani?«, wollte Alphanderry wissen.

»Das Volk des Waldes«, antwortete Keyn. Er hielt seine Hand knapp unter Brusthöhe, als würde er die Größe eines Menschen anzeigen. »Es sind kleine Leute.«

»Oh - und ich nehme an, sie haben lange Ohren wie ein Hase und grüne Gesichter«, sagte Alphanderry. Er drehte sich zu Maram um. »Siehst du, ich habe ihn dazu gebracht, einen Witz zu machen.«

Keyn deutete auf Flack. »Er ist kein Witz. Obwohl ich es nicht begreife, scheint das Timpimpiri dich zu verstehen und zu tun, was du verlangst.«

»Wirklich? Dann wird er sich also auch auf meinem Finger drehen?« Alphanderry hielt den Finger hoch, als deute er auf die Sterne. »Ich nehme an, er dreht sich jetzt?«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, flog Flack empor und drehte sich wie ein Edelstein über seinem Finger.

Alphanderry zog seine Hand abrupt zurück, dann bückte er sich, um ein Täschchen aus dem Fußteil seines Schlaffells zu nehmen. Er holte eine Nadel daraus, die er in den Feuerschein hielt.

»Und jetzt«, sagte er, »nehme ich an, dass er auf dieser Nadel tanzt?«

Und ja, schnell wie der Blitz hüpfte Flack auf die Nadel und tanzte auf der Spitze, wobei er mühelos die Balance hielt.

»Ha, ja, und jetzt dreht er sich natürlich auf meiner Nase!«

Um die Dummheit dessen, was er gesagt hatte, noch zu unterstreichen, verdrehte Alphanderry plötzlich die Augen, als starre er eine Fliege auf seiner Nasenspitze an. Und dort vollführte Flack unsichtbar für ihn seinen wilden, glühenden Tanz.

Das war sogar für Keyn zu viel. Seine Verstocktheit bekam einen Riss, der zu einem bodenlosen Spalt wurde. Auf seinem Gesicht zeigte sich das breiteste Grinsen, dass ich jemals bei ihm gesehen hatte, während er in schallendes Gelächter ausbrach. Er konnte nicht mehr an sich halten, fiel auf die Knie, lachte dröhnend und herzhaft, und die Tränen traten ihm in die Augen. Sein Bauch pumpte, während er schwitzte und keuchte und sein gesamter Körper bebte. Ich dachte, die Erde selbst hätte sich aufgetan, denn das Lachen, das seine Seele schüttelte, war eher ein Erdbeben als eine menschliche Regung. Rauch und Feuer, Donner und Blitze brachen aus ihm hervor - oder zumindest schien es so. Lange lag er lachend auf dem Boden und hielt sich den Bauch, und wir alle waren über diesen Ausbruch so erstaunt, dass wir nicht wussten, was wir tun sollten. Tatsächlich blieb uns auch nichts anderes übrig, als ebenfalls zu lachen.

Schließlich beruhigte sich Keyn wieder und setzte sich schwer atmend auf. Durch seine Tränen hindurch schienen seine strahlenden, schwarzen Augen vor Glück zu glänzen. Ich sah in diesem Augenblick ein großartiges Wesen in ihm: fröhlich, offen, strahlend und weise. Er lächelte Alphanderry an und meinte: »Närrischer Minnesänger - vielleicht bist du ja doch zu etwas gut.«

Und dann gewann er seine Haltung zurück. Die schroffen, senkrechten Linien kehrten in sein Gesicht zurück; die weiche Haut wich dem Stein. Er starrte Flack an, der jetzt ein paar Fuß vor Alphanderry in der Luft schwebte.

Dann kam die Zeit der Erklärungen. Während das Feuer niederbrannte und die großen Sternbilder über den Himmel wanderten, erzählten wir abwechselnd von unserem Aufenthalt im Wald der Lokilani. Alphanderry begriff schließlich, dass wir uns beileibe keinen Scherz mit ihm erlaubt hatten. Ich erzählte davon, wie ich zum ersten Mal gesehen hatte, wie die vielen Timpum den Wald erleuchteten, und er glaubte mir; er vertraute schnell. Als Atara mit Tränen in den Augen berichtete, wie sie nach dem Genuss der Timana beinahe gestorben war, sah Alphanderry mich an und sagte: »Du hast ihr also das Leben gerettet. Mit dieser Gabe, die Keyn das Valarda nennt. Ist dir dieser Flack deshalb aus dem Vild gefolgt?«

Flack kam jetzt zu mir und schwebte über meiner Schulter. Ich konnte die Feuerwirbel beinahe spüren, die sein Wesen darstellten. »Wer weiß, wieso er mir folgt?«, meinte ich.

»Vielleicht aus dem gleichen Grund, weshalb wir alle es tun«, sagte Alphanderry gedankenvoll. »Nun, vielleicht bin ich eines Tages in der Lage, ihn bei dir zu sehen.«

Die ganze Zeit über war Liljana still geblieben, sofern sie nicht mitgelacht hatte. Jetzt, da deutlich wurde, dass sich ein Geheimnis vor ihr auftat, sagte sie einfach nur: »Ich würde diese Timana auch gerne einmal probieren.«