Der Held ...

... der aufgrund eines Rufes aus seinem gewohnten Leben aufbricht und sich auf eine Reise begibt, um die Welt, der er entstammt, vor einer existenziellen Bedrohung zu retten, und dies nach einem Abstieg in die Dunkelheit - die Nachtwelt - mit vielen Herausforderungen, Kämpfen gegen Dämonen und Prüfungen auch tut und mit dem welt- und lebensrettenden Elixier in der Hand in die Tagwelt zurückkehrt, bis sich erneut ein Ruf auftut - das ist die Reinform der Hero's Journey von Joseph Campbell, das Grundmuster von Geschichten und menschlicher Entwicklung.

Und es ist auch die Erzählstruktur des Valashu-Epos. David Zindell hat die Heldenreise in ihrer ganzen Klarheit übernommen, sie in das Kleid der Fantasy verpackt (die eine ursprüngliche Affinität dazu hat) und mit Inhalten versehen, die neben der offensichtlichen Bedrohung Eas durch Morjin (in Form von Kriegen und Unterdrückung) die Bedrohung der spirituellen Seele des Menschen zum Thema haben. Indem das ganze aus der Ich-Perspektive erzählt wird, verstärkt sich die klare, lineare Struktur dann sogar noch.

Und macht Platz für etwas, das ich als archetypische Dichte bezeichnen würde.  Oder als mythische Kraft. Oder als poetische Schönheit. Wie auch immer man es nennen möchte - etwas anderes tritt an die Stelle ausgefeilter Erzählperspektiven und -strukturen, ja, wäre gar nicht möglich ohne die Linearität und Konzentration: das Zusammenströmen der Vielfalt der Welt in einer einzigen Person, aus der heraus erzählt wird. Vals Fähigkeit macht dies möglich, die Tatsache, dass er empfindet, was andere empfinden, dass er deren Reaktion auf die Welt spüren kann. Hier ist nichts getrennt - hier ist alles miteinander verbunden. In Val. In Val fließt die Welt zusammen - und wir bekommen eine Ahnung, dass alle diese vielen Charaktere, die auftauchen, auch ein Teil von ihm sind, oder ein Teil von ihm sein können. Und somit, in gewisser Weise, auch von uns.

Andere Kniffe kommen hinzu. Die Dehnung des Erzähltempos, wenn es um Vals Wahrnehmung der Welt geht, so dass Raum entsteht, in dem Aspekte aufsteigen und bewusst werden können.  Die Verwendung von archetypischen Begriffen und Bildern, die an sich schon ganze Welten öffnen, die sich ihrerseits mit der Geschichte verbinden. Die Verwendung von Mythen, Legenden und Gedichten, die einen ganz eigenen Raum öffnen. Die körperliche und sinnliche Dimension von Vals Wahrnehmung - verstärkt durch das Valarda -, die zu einer ganz eigenen Welt von Lebendig-Sein führt und zugleich das Tor zu geistigen, tiefgehenden Erkenntnissen bildet, als Einheit von Körper, Geist, Seele - und natürlich zu den Gefühlen, die in ihm und anderen aufsteigen. 

Und nicht zuletzt die Sprache. Eine Sprache, die von großer poetischer Kraft und sinnlicher Tiefe geprägt ist - als würde jener Lebensfunke, der alles Leben durchströmt und in allem zu finden ist, sie selbst beleben, sich durch Rhythmus, Melodiosität, Schwingung und Klang mitteilen. Und genau das tut sie auch - sie fließt, sie öffnet, sie weitet: unser eigenes Empfinden, unsere eigene Wahrnehmung, unser eigenes Erleben werden in die gleiche lebendige Schwingung versetzt.

Was wir dann mit dieser Schwingung machen - nun, das ist eine andere Geschichte ...