Leseprobe zu Morjin

Aus: Das Valashu-Epos, Band 2: Herr der Lügen

 

Mein teurer Valashu,

Ich vermute, dass dieser Brief Euch bei guter Gesundheit vorfindet, die, wie meine Freunde in Eurem kleinen Königreich mir versichern, nie besser gewesen ist. Ihr werdet gewiss erfahren wollen, dass ich mich auf beinahe wundersame Weise von der Wunde in meiem Nacken erholt habe, von der Ihr gehofft haben müsst, dass sie tödlich wäre. Die Wunde in meinem Herzen jedoch ist tiefer. Denn Ihr habt mir genommen, was mir teurer ist als das Leben.

(...)

Ich weiß, dass Ihr den Becher des Himmels in Eurer Burg eingeschlossen habt und bewachen lasst wie in alten Zeiten. Er ist wunderschön, nicht wahr? Der schönste Gegenstand auf der ganzen Welt. und so weiß ich auch, dass Ihr in seinen goldenen Tiefen die schönste versuchung überhaupt sehen werdet: die Überzeugung, Ihr wärt sein Herr, der Lord des Lichts - der Maitreya. Wie könnte es auch anders sein? Denn Ihr, Valashu Elahad, der das Leiden anderer so deutlich spürt, müsst Euch schrecklich danach sehnen, dem Leiden ein Ende zu bereiten. Dies ist ein edles Ansinnen. Doch es ist fehlgeleitet, und um des Wohles der Welt und um Eures eigenen Wohles willen muss ich versuchen, Euch begreiflich zu machen, wieso das so ist.

Alle Wesen sehnen sich vor allem nach einem: dem Licht und der Liebe des Einen. Denn dies ist unser Ursprung und unser Kern, und dorthin möchten wir zurückkehren. Doch diese Ekstase der Vervollkommnung und des tiefen Friedens ist uns verwehrt, und der Beweis dafür ist unser Leiden. Menschen leiden auf vielfältige Weise: durch Angst vor dem Tod, durch Verletzungen und zerstörte Träume. Nichts aber ist schlimmer als der Wunsch, der unser ganzes Sein verzehrt, nämlich uns eins mit unserem Ursprung zu fühlen. Am meisten leiden wir, weil wir nicht verstehen, wieso wir leiden müssen: wieso sollte das Eine, das ganz Güte sein sollte, uns all die Qualen des Körpers und der Seele zumuten? Als Ihr in Khaisham den Schreien der in Stücke gerissenen Kinder gelauscht hab, als Ihr das Leben selbst verflucht habt, habt Ihr Euch da nicht die gleiche Frage gestellt: "Wieso?"

Die Antwort, das muss ich Euch sagen, ist so einfach wie schrecklich: weil es der Natur des Einen entspricht, die die Natur der Welt ist. Erkennt Ihr nicht, dass Gut und Böse die zwei Seiten des Gesichts des Einen sind, dass sie seine Hände sind, die linke und die rechte? In der einen Hand hält das Eine den goldenen Gelstei und erschafft aus der Substanz seines eigenen Seins den Kosmos und all seine Geschöpfe; mit der anderen verstößt er sie vom Licht und quält sie. Das Eine errichtet Mauern aus Fleisch um unsere Seele, um uns von unserem Ursprung und voneinander zu trennen; es lässt uns im Alter verfaulen und schlägt uns unter abscheulichen Qualen ans Kreuz des Lebens. Es lässt uns sterben. Und so müssen wir schließlich die größte Schändlichkeit überhaupt erleiden: die des Ausgelöscht-Werdens. Und dann gibt es auf ewig nur noch das Nichts und die Dunkelheit der Nacht. Wer hat nicht dagegen gewütet, dass das Eine die Dinge so erschaffen hat? Glaubt Ihr, Valashu, ich hätte nicht auch bittere Tränen vergossen wie jeder andere Mensch? Ich hätte nicht auch Liebe und Verlust erlebt? zu fürchten, dass das wunderbare Licht meiner Seele einfach erlischt wie eine Kerze, die ein kalter Windstoß ausbläst - glaubt Ihr etwa, ich hätte nicht zehntausendmal meine Faust gen Himmel gereckt angesichts der Grausamkeit eines solchen Schicksals? Muss ich dann nicht das Eine und alle seine Werke hassen? Müssen wir das nicht alle?

In der Tat, das sollten wir, denn auch dies ist die Natur und das Wesen des Einen. Hass, Valashu, ist die Kraft, die trennt. Wir werden als unabhängige Einzelwesen geboren, und es ist unser Recht und unsere Pflicht, uns so weit zu stärken, dass wir unser Leben leben können. Doch da das Leben sich vom Leben nährt, sowohl bei den Tieren als auch bei den Menschen, müssen wir uns gegen andere stärken, so wie sie sich gegen uns stärken. Der Hass verleiht uns großen Mut in diesem Krieg aller gegen alle; er entfacht das Feuer unseres Willens, höhere Wesen zu werden und bei der Suche nach dem höheren Leben erfolgreich zu sein. Und so schreiten wir über die Erde in unserer Macht und unserem Stolz, statt hinter einem Felsen zu kauern und die Ungerechtigkeit des Lebens zu bejammern. Es ist in der Tat grausam und wird auch immer grausam bleiben müssen: denn hat man nicht den Mut, Jäger zu werden, so muss man sich damit abfinden, Beute zu sein. So sicher, wie die Nacht dem Tag folgt, werden die Starken die Schwachen verschlingen, immer und immerfort bis in alle Ewigkeit.

Es ist genau dieser Erfolg, der uns Freude bereitet. Er lässt sich an dem Grad unserer Macht über andere bemessen. Dadurch, dass viele Einzelwesen ihren Vorteil suchen, erringt die Welt ihren größten Vorteil, indem die verborgene Hand des Einen die Stärksten erhebt und ihnen den einzig wahren Reichtum überträgt. Sind die Reichtümer der Macht auf diese Weise errungen, wenn sie unseren Körper und unser Wesen gänzlich umhüllt haben, dann führen sie zu noch größeren Reichtümern. Auf diese Weise wird ein Mann, der sich an den Waffen übt, zum Ritter; so werden Ritter zu Lords und Königen. Und die größten Könige der Menschen benutzen den großen Gelstei, um ihrem blick zu weiteren Eroberungen gen Himmel zu richten und zu lernen, zwischen den Sternen zu wandeln. Dann kommt die größte aller Eroberungen, wenn sterbliche Menschen die Flamme des Lebens so sehr stärken, dass sie nicht mehr ausgeblasen werden kann. So werden die unsterblichen Elijin geboren, von denen die stärksten die Macht der unauslöschbaren Galadin erringen: ihnen kann auf keinerlei Weise mehr Schaden zugefügt werden.

Und doch leiden sie: schrecklich, schrecklich, schrecklich. Denn unsere Reise zum Letztendlichen wird mit jedem Schritt nicht weniger schmerzhaft, sondern immer noch schmerzvoller. Der Mensch ist ein sehr kleines Gefäß, das nur eine kleine Menge des bitteren Gifts des Lebens enthält; die großen Galadin bewahren in ihrem Innern ganze Ozeane. Während ihr Leiden maßlos zunimmt, muss auch ihre Fähigkeit wachsen, es zu ertragen.

Tief in Eurem Innern, Valashu, wisst IHr, was dies bedeutet: dass der eigene Schmerz nur dadurch gelindert werden kann, indem man anderen den gleichen Schmerz zufügt. Denn die Macht über Leben und Tod der Schwachen bedeutet letztlich die Macht des Lebens über den Tod. Könnt Ihr das leugnen? Bringt Euch der Schrei eines anderen nicht dazu, dankbar zu sein, dass Ihr gesund und unversehrt seid? Stärkt Euch das Fleisch von Tieren nicht? Fühlt Ihr Euch nicht - wie der Löwe - erhaben im Augenblick des Tötens?

Dies ist das Geheimnis des Valarda, das Geheimnis des Lebens an sich. Der grundlegende Teil des Gesetzes des Einen besagt Folgendes: dass Gegensätze sich anziehen. Wir hassen am meisten, was wir am meisten lieben. Wir lieben: schrecklich, schrecklich, schrecklich. In unserer Liebe und unserer Sehnsucht nach dem Einen spüren wir zu sehr, zu deutlich die Sehnsucht auch der anderen. Was können wir tun, um davon nicht überwältigt zu werden? Verbrennen wir ihre Seelen! Zerreißen wir sie mit unseren Klauen! Verzehren wir ihre Eingeweide und erfreuen wir uns an der Qual in ihren Augen! Dann werden sie aufschreien, um von ihren Leiden erlöst zu werden. Doch da es unsere Hand ist, durch die das Eine handelt, durch die es diese Folter erschafft, richtet sich ihr Flehen um Erlösung an uns. Und so werden wir einen Augenblick lang an unsere göttliche Natur erinnert, daran, weshalb wir erschaffen wurden. Wir berühren das wahre Ziel des Einen und das Eine selbst, und wie sollte in diesem Licht der Ekstase noch irgendein Leiden bleiben?

Erkennt Ihr nicht die schreckliche Schönheit im Plan des Einen? So unendlich, wie das Eine ist, ist es auch der Schmerz - und daher müssen es auch die Mittel sein, ihn zu beenden. In der Qual unendlich vieler Unschuldiger begreift das Eine seine eigene Unverletzlichkeit. Und die gequälten Unschuldigen, die stärksten von ihnen, steigen als Engel auf, um das göttliche Licht zu ergreifen. Und so enthüllt sich die wahre Großartigkeit des Einen: denn die beiden Gesichter des Einen sind sowohl Liebe als auch Hass. Unser Hass auf das Eine, weil es uns leiden lässt, führt am Ende zur Liebe zum Einen, weil es uns zu unserem Ursprung zurückzwingt. Und so benutzt das Eine das Böse, um ein Höchstmaß an Gutem hervorzubringen. Und ist das nicht ein Ausdruck wahren Mitleids, Valashu?

(...)

Der Maitreya wird der Mitleidsvolle genannt. Er soll ein Heiler sein, der die Welt von ihrem Leiden und den Qualen befreit, die alle Menschen erfahren. Wenn das wahr ist, wie könnt Ihr dann dieser Maitreya sein? Ihr, der so viele Menschen getötet und verstümmelt, der so viel Qual bereitet hat? Wünscht Ihr wirklich das Ende des Krieges, wollt Ihr Euren Feinden wirklich vergeben? Dann stellt Euch diese Frage, Valashu: Wenn Ihr dieser Strahlende wärt, der das Licht des Göttlichen trägt, würdet Ihr mir Eure heilende Hand entgegenstrecken?

Der Maitreya, so heißt es auch, wird den Menschen die Welt so zeigen, wie sie ist. Denn der Mensch neigt angesichts der Schrecken seines Daseins dazu, sich nach einer Welt ohne Übel zu sehnen, die es nicht geben kann, und sich unter dem niederdrückenden Gewicht des Lebens und den Qualen des Feuers aufzugeben. Und so schickt das Eine aus Gnade und wahrem MItleid den Lichtstein ind ie Welt, die ganze Macht des Einen, damit der Maitreya sie ergreifen und den Menschen die Wahrheit zeigen kann. Auf diese Weise lindert der Maitreya ihr Leiden, denn so lernen alle ihren Platz in der natürlichen Ordnung kennen und den Weg, auf dem sie zu ihrem Ursprung zurückkehren. Aber könnt Ihr, Vlaashu, der Welt diese Wahrheit zeigen? Könnt Ihr es ertragen, sie Euch selbst zu zeigen? Nein, wir beide wissen, dass Ihr nicht den Mut dazu besitzt. Und so könnt Ihr auch nicht der Maitreya sein.

Doch wenn Ihr es nicht seid, wer seid Ihr dann? Ihr seid ein Valari aus einem uralten Geschlecht von Abenteurern, die niemals Maitreyas waren. Ihr seid ein Krieger, der beteuert, den Krieg zu hassen. Ein Mörder von Menschen, der seine Verbrechen rechtfertigt, indem er seine Feinde als böse geißelt. Ein Prinz ... der Diebe. Ihr seid derjenige, der der Welt das Licht der Wahrheit stiehlt, so dass Dunkelheit herrscht. Ihr seid derjenige, der sich der Errichtung einer natürlichen Ordnung widersetzt, in der die Starken sich ohne nutzlose Kriege erheben könnten. Ihr seid ein Lord der Lügen, denn Ihr redet Euch ein, dass Ihr von Euren furchtbaren Taten freigesprochen werdet, weil Ihr die Qualen der anderen erleidet.

Ihr glaubt, Ihr hättet größtes Leid erfahren, doch ich versichere Euch, dass es bisher nichts als ein kleines, anfängliches Zwicken war. Auch was ich Euch angetan habe, wertet Ihr als böse. Und doch ist es genau das Gegenteil. Betrachtet es einmal von dieser Seite: Hättet Ihr jemals die Kraft besessen, den Lichtstein zu stehlen, wenn ich mich nicht auf Schritt und Tritt entgegengestellt hätte? Was ist das Böse? Alles, was einen Menschen schwächt und klein macht. Was ist das Gute? Alles, was ihn stärkt und der Göttlichkeit näher bringt. Könnt Ihr leugnen, dass Ihr - genau wie die Frau, die Ihr zu lieben glaubt - als Folge der Qualen, die ich Euch beschert habe, jetzt ein höheres Wesen seid? Lord Valashu, Ritter des Schwand, Wächter des Lichtsteins - könnt Ihr leugnen, dass ich es bin, der Euhc zu dem gemacht hat, der Ihr jetzt seid?

Und so steht Ihr in meiner Schuld. Doppelt und dreifach, da Ihr mich verletzt und mir den Becher des Himmels genommen habt. Und doch hege ich Euch gegenüber keine Rachegelüste. Ich muss glauben, dass das, was Ihr getan habt, aus einem Irrtum heraus geschehen ist und nicht aus Bosheit. Ihr seid junge und voller wundersamer Träume, so wei einst ich. In Eurem Innern brennt ein wahrhaft wundervolles Licht. Wer hat es so gesehen wie ich, Valashu? Öffnet die Augen, und Ihr seht es vielleicht selbst.

Die Schuld muss beglichen werden. Eines Tages, so hoffe ich, werdet Ihr mir die Treue schwören. Ihr werdet mir dienen - im Leben oder im Tod. Der Lichtstein jedoch muss sofort zurückgebracht werden. Wenn dies geschehen ist, werde ich Euch millionenfach mit Gold aufwiegen und mit einem eigenen Königreich belohnen. Wenn nicht, werde ich auf diese Weise jeden anderen Menschen belohnen, der mir an Eurer statt den Lichtstein bring. Das Königreich Mesh wird Euch genommen, Ihr und Eure Familie werdet vernichtet werden. Mein Verbündeter König Angand von Sunguru steht bereit, Seite an Seite mit mir zu maschieren, um das von Euch begangene Unrecht wieder gutzumachen. Die Könige von Uskudar, Karabuk, Hesperu und Galda haben mir de Treue geschworen und werden mich ebenfalls unterstützen. Genau wie König Ulanu von Yarkona, dessen Bekanntschaft Ihr bereits gemacht habt. Diesen heiligen Kreuzzug zu unternehmen gelobe ich bei meinem Königreich, bei meiner Ehre und bei meinem Leben.
Ergebenst, Morjin, König von Sakai und Lord von Ea.

P.S. Ich übergebe Euch mit diesem Brief den persönlichen Besitz von Atara Ars Narmada. Ich kann nur hoffen, dass Ihr oder sie Verwendung dafür findet. Natürlich würde Atara es vorziehen, neue Augen zu bekommen, mit denen sie Euch ansehen kann. Gebt mir den Lichtstein zurück, und ich werde dafür sorgen. Es wäre mir ein großes Vergnügen.

P.P.S. Eines Tages, falls Ihr so lange am Leben bleibt, werdet Ihr das Valarda benutzen, um jemanden zu töten - so wie Ihr es bei mir versucht habt. An dem Tag werde ich an Eurer Seite stehen und auf Euch hinablächeln wie auf meinen eigenen Sohn.