Leseprobe zu Valashu

Aus: Das Valashu-Epos Band 2, Herr der Lügen

»Es ist wunderschön«, sagte Keyn, der nach Westen starrte. »Ganz Ea ist wunderschön.«

Ich kaute an einem Apfel, während ich seinem Blick folgte. Jenseits der Berge meiner Heimat zog sich die Wendrash bis zu jenem Teil der Welt hin, in dem stets Nacht zu herrschen schien. Denn hinter dem Grasland, nahezu sechshundert Meilen entfernt, erhob sich der Schwarze Berg - der Skartaru.

»Manche Orte auf Ea sind weniger schön als andere«, erwiderte ich.

Er lächelte, entblößte seine kräftigen, weißen Zähne. »Sicher weißt du, dass du nicht den Hauch einer Chance hast, Morjin zu töten?«, fragte er.

»Das weiß ich«, antwortete ich. »Aber bevor ich sterbe, möchte ich ihn fühlen lassen, was in meinem Innern ist.«

»Dann hasst du ihn so sehr, ja?«

»Ja - du nicht?«

»Ob ich ihn hasse?«, rief er, plötzlich um einiges lauter. Er nahm eine Handvoll Schnee, ballte die Faust, und seine Augen brannten wie Kohlen. »Nun denn, ich hasse ihn so, wie Feuer das Holz hasst, wie Stahl das Fleisch hasst. Wenn ich könnte, würde ich ihm den Kopf abschlagen und ihn zwischen Mühlsteinen zermalmen, wie Korn in einer Getreidemühle. Ich würde eine Fackel in die Halswunde drücken, damit kein neuer Kopf nachwächst. Seine Leiche würde ich in Stücke hauen und den Ratten zu fressen geben, die seinen Bau, dieses schäbige Loch in der Erde, verpesten. Ich würde jedes Buch verbrennen, das seinen Namen enthält. Niemand verdient den Tod mehr als er. Und dennoch. Und dennoch. Er ist ein Mensch, genau wie du. Er hat Hoffnungen und Träume und ein Gefühl dafür, wie er hätte gut sein können, wie er es vielleicht immer noch sein kann. Du kannst ihn nicht besiegen, wenn du das nicht verstehst.«

Ich saß auf meinem Rucksack, bohrte die Absätze in den Schnee des Telshar und lauschte dem Wind. Es kam mir unglaublich vor, was er gerade gesagt hatte.

»Ihn besiegen?«, fragte ich und sah ihn an. »Ich will nur gegen ihn kämpfen.«

»Nun denn, Val - ich auch. Gegen ihn kämpfen und gewinnen.«

»Aber es ist unmöglich zu gewinnen«, sagte ich. »Früher dachte ich einmal, es wäre möglich, aber ich habe mich geirrt.«

»Hast du das? Einmal hättest du Morjin in seinem Thronsaal beinahe getötet, und es könnte der Tag kommen, an dem du noch einmal eine solche Chance erhältst.«

»Nein, er ist jetzt zu mächtig. Und schon bald wird Angra Mainyu an seiner Seite stehen. Nein, es ist unmöglich, ihn zu besiegen, nicht auf dieser Weise.«

»Und warum willst du dann überhaupt kämpfen?«, fragte er mich.

»Weil wir, indem wir kämpfen, zumindest etwas gewinnen«, erklärte ich. »Es gibt niemals einen endgültigen Sieg, nur den Kampf darum, ihn zu erringen. Und das ist die einzige Tugend. Nur auf diese Weise kann das Gute siegen.«

Keyn legte den Kopf in den Nacken und starrte zu den ersten Sternen empor. Kälte überkam ihn plötzlich, und ich spürte, wie sein ganzer Körper vor Sehnsucht nach den fernen Lichtern erbebte, die für immer unerreichbar für ihn sein würden.

»Ich glaube an einen Sieg«, sagte er, und seine Stimme klang irgendwie seltsam und deutlich tiefer als sonst, »an einen Sieg, der so endgültig und vollkommen ist, dass sogar das tief in der Erde vergrabene Gestein vor Freude und Licht jubilieren wird.«

Ich schüttelte den Kopf, wollte nicht recht glauben, was ich da gehört hatte. »Aber das Böse kann nicht besiegt werden!«, platzte ich heraus.

Er lächelte und sagte: »Und das Gute auch nicht.«

Während die Nacht der Welt das LIcht raubte und die Dunkelheit über Mesh kroch, begannen weit unter uns die Häuser von Silvassu, in dem sanften Orange von Kerzen und Feuerstellen zu leuchten. Überall in meinem wunderschönen Heimatland würden Mütter Mahlzeiten auf den Tisch stellen und den Verlust ihrer Söhne beweinen, und Väter würden toben angesichts des Schicksals ihrer Töchter, die nach Argattha verschleppt worden waren.

»Morjin ist so böse«, sagte ich zu Keyn.

Wieder überraschte er mich, als er mit weicher Stimme erklärte: »Es gibt keine bösen Menschen, Val. Es gibt nur böse Taten.«

»Sicher«, erwiderte ich. »Aber manche Menschen entscheiden sich immer wieder, Böses zu tun.«

»Nun denn - nun denn. Genau deshalb müssen wir uns jeden Augenblick - immer und immer wieder - bemühen, Gutes zu tun.«

Ich sah über die Burg hinweg in Richtung Süden auf das dunkler werdende Grün der Culhadosh-Allmende. »Ich habe versagt ... viel zu oft.«

»Ich auch«, erklärte er.

»In Tria wollte ich ihn um jeden Preis vernichten. Und deshalb habe ich gelogen.«

»Morjins ganzes Leben ist eine Lüge.«

»Ja«, sagte ich. »Aber wir können Lügen nicht mit Lügen bekämpfen, und auch Hass nicht mit Hass. Nicht, wenn wir nicht wie Morjin werden wollen. Und deshalb wird er gewinnen.«

»Nein, das wird er nicht. Das darf er nicht. Du darfst nicht aufgeben.«

»Manchmal glaube ich, es ist mir egal«, sagte ich. »Dann denke ich an meine Großmutter und an meine Mutter, oder an Estrella. Und an Atara ... Atara. Leiden gibt es. So wird es immer sein. Und am Ende werden wir alle verlieren ... alles. Weshalb sollte es mir etwas ausmachen, ob ich mit einer Lüge einen Vorteil über unsere Feinde erringe oder ihnen ein vergiftetes Messer in den Rücken stoße? Sie so quäle, wie sie mich gequält haben? Wieso sollte mir überhaupt irgendetwas etwas ausmachen?«

»Weil du deine Seele verlierst, wenn dir nichts mehr etwas ausmacht«, sagte er und sah mich an.

»Manchmal bin ich mir nicht einmal sicher, ob mir das nicht auch egal ist.«

»Nun denn«, sagte er. »So war es bei Morjin - und auch bei Angra Mainyu.«

Ich dachte daran, wie Morjin einmal gewesen war und wie er in seiner egienen Vorstellung möglicherweise immer noch war: ein Mann mit goldenen Augen udn einem Lächeln wie die Sonne, von herrlicher Gestalt und mit einem wunderschönen Antlitz. Jetzt war er kaum mehr als ein Haufen ekligen Fleisches um einen Kern aus Verdorbenheit, üblen Träumen und dem Willen, seine Feinde zu vernichten, und seine Macht zog er aus seinem schrecklichen Hass. Diese Verschwendung hätte mich fast zum Weinen gebracht. Die Qual seines Lebens erzeugte in meinem Innern einen scharfen, pulsierenden Schmerz, der einfach nicht vergehen wollte. Ich hasste mich dafür, dass ich diesen grauenhaften Mann auch noch bemitleidete, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

»Ich war so nah dran«, sagte ich zu Keyn. »Viel zu oft schon war ich so erschreckend nah dran.«

»Ich auch«, erwiderte er.

»Wieso?«, fragte ich. »Wieso entscheiden wir uns zu tun, was wir tun?«

Obwohl es kühler wurde und die vielen Sterne jetzt ihre leuchtenden, flackernden Schwerter durch die Schwärze des Himmels stießen, fuhr er mit den Fingern durch den verharschten, alten Schnee und packte eine Handvoll davon. Er hielt ihn sich an die Stirn, dann starrte er ins Schwanental hinunter, als lauschte er den Geräuschen der Welt.

»Zwei Wölfe kämpfen jetzt in deinem Herzen«, sagte er. »Der eine Wolf ist rachsüchtig undn heult vor Hass. Der andere ist mitleidsvoll und weise.«

»Ja, das stimmt«, sagte ich und drückte meine Handfläche gegen die Brust. »Aber welcher Wolf wird den Kampf gewinnen?«

»Der, den du nährst.«

Auch ich sah jetzt hinab in das Tal, in dem ich geboren worden war. Das Licht der Sterne und der aufsteigende Monde enthüllten ein sanftes und friedliches Land mit Bauernhöfen, Feldern und stillen Wäldern.

»So viele Tote«, murmelte ich, die Worte wie ein Lied wiederholend. »So viele Tote.«

Keyn sah mich an. »Manchmal eröffnen uns die schlimmsten Niederlagen Türen zu den größten Siegen.«

Ich rieb die Narbe auf meiner Stirn, um den heißen, rasenden Schmerz zu vertreiben, der sich dort in mich hineinbrannte. »Das kannst du nur sagen, weil nicht du es bist, der seine Familie verloren hat.«

»Alle Menschen sind meine Familie, Val.« Sternenlicht regnete auf ihn herab, und sein Gesicht wirkte jetzt so traurig und entrückt wie der Mond. »Und ich habe tausendmal tausend Generationen von ihnen verloren.«

Er blickte mich mit seinen dunklen Augen an, und ich wurde in ihre unergründliche Tiefe gezogen und ertrank darin. Ich schnappte nach Luft. Alles war dort: wirbelnde Sternbilder und glühende Sonnen und endlose Welten. Das Brüllen eines Löwen, der seine halbtote Beute verschlang, und der Schrei einer Frau, die ihren Sohn gebar. Ein Kind, das einem Schmetterling ein Lied sang. Er packte plötzlich meine Hand, drückte sie kräftig und lächelte, während er mich mit aller Macht festhielt. In diesem Augenblick sprang etwas auf mich über. Aber nicht sein unauslöschlicher Wille zu leben, sondern vielmehr ein Locken und Erstarken meines eigenen.

Ich wusste nicht, ob das Leiden die Seele wirklich offener gegenüber der Freude machen konnte. Doch wie Feuer konnte es alle EInbildungen, Begierden und Selbsttäuschungen wegbrennen, so dass nur ein größerer, festerer Wille zurückblieb. Irgendwo in der verkohlten Ruine meines Innern, in der verborgensten Kammer meines Herzens, gab es ein Licht. Es loderte mit all meinem Willen zum Schönen hin, zum Guten und zum Wahren. Und solange ich es nicht zuließ, konnte es auch nicht verlöschen.

»So viele Sterne«, sagte ich, den Blick auf den Himmel gerichtet. Ihr sanfter Glanz tauchte den Steinhaufen und all die vielen Ringe in einen silbrigen Schimmer. Licht strömte auf den Berg hinunter und berührte mit seinen leuchtenden Fingern den weißen Granit der Elahad-Burg und die weißen Steine bei der Kurash; dort hatten wir meine Mutter, meine Großmutter und alle anderen begraben, die von Morjin abgeschlachtet worden waren.

»So viele Sterne.«

Wenn ich nun tatäschlich den mitleidsvollen Wolf nährte, was würde das bedeuten? Nichts als Liebe.

»Vater«, flüsterte ich. »Mutter.«

So leise ich konnte, sprach ich die Namen von Nona, Karshur, Yarashan, Jonathay, Mandru und Ravar. Und Asaru. Ich lauschte im aufkommenden Wind auf ihre Stimmen.

Und dann stimmte irgendwo weit unten ein Wolf sein seltsames und wunderschönes Lied an, und all mein Hass verließ mich.

Ich zog mein Schwert und reckte es gen Himmel. Es erwachte mit einem ganz eigenen Licht zum Leben, und es nährte nicht nur das Feuer iin den Diamanten der abertausend Ringe, sondern schien es auch in sich zu sammeln. Alkaladur, das Schwert des Sehens, strahlte plötzlich heller als der Mond, der Schnee und die Sterne. Und jetzt sah ich das ganze Muster meines Lebens deutlich vor mir, sah, was ich schon längst hätte sehen müssen: dass ich am nächsten oder übernächsten Tag das Morgengebirge verlassen würde, um denjenigen zu suchen, den man den Lord des Lichts nannte. Dass meine Freunde mich begleiten würden - alle. Dass Estrella mir den Strahlenden zeigen würde, wie Kasandra es vorausgesagt hatte - wo immer es auch sein mochte. Und dann, eines Tages, würde ich den Lichtstein irgendwie zurückgewinnen und ihm in die Hände legen.

Wir wissen es, dachte ich, wir wissen es die ganze Zeit.

Und das war das größte Geheimnis überhaupt. WIe groß unsere Verwirrung und die Lügen, die wir uns einredeten, auch sein mochten - immer konnten wir Gutes von Bösem unterscheiden, die rechten Handlungen von den falschen. Wenn wir nur den Mut fanden, auf das zu hören und dem zu folgen, was unsere Herzen uns sagten, würden wir zwar leiden oder sterben, doch niemals würden wir die große Verheißung des Lebens verraten.

Als ich Keyn davon erzählte, stieß er ein lautes Freudengeheul aus und drückte mir den Beutel mit den Asotrensamen in die Hand. Er sprang auf, zog mich auf die Beine und deutete nach oben: »Ein Adler fliegt nur bis zum Himmel. Doch ein Silberschwan, wiedergeboren aus der Asche seines Scheiterhaufens, fliegt bis zu den Sternen.«

Ich konnte seine Freude über meine Entscheidung nicht ganz teilen. Schon bald, das wusste ich, morgen oder in den nächsten Tagen, würde ich wieder hassen. Ich würde mit meinem heiligen Schwert in rasendem Zorn töten. Ich würde weinen und wüten und angesichts des schrecklichen Schmerzes, der nie vergehen würde, die Zähne zusammenbeißen. Denn auch das gehörte zum Geheimnis des Lebens. Jetzt aber stand ich mitten in der Nacht oben auf einer Bergspitze im kalten Schnee. Ich spürte das Ächzen der Fichten unterhalb von mir und den Atem der Welt, der sich gleichermaßen klagend wie jubelnd erhob. Und dann, einen Augenblick lang, trugen mich die Seelen der Toten wie einen großen und wunderschönen Schwan zu den Sternen, und das genügte.

»Komm«, sagte Keyn und nahm meine Hand. »Es ist spät und kalt, und wir müssen noch eine halbe Meile im Dunkeln absteigen - es wird übel für uns, wenn wir uns verirren.«

Mir kam es kaum dunkel vor. Der Mond erhellte die oberen Gefilde des Telshar und beleuchtete den Weg zurück zu unserer Hütte.

»Wir werden uns nicht verirren«, sagte ich.

Ich bückte mich, um das Seil wieder aufzunehmen und um meine Taille zu binden. Dann drehte ich mich um und fing an, den Berg wieder hinunterzusteigen. Ich würde auf meiner Heimaterde wandern, stets auf der Suche nach meinem Meister, meinem Bruder, meinem anderen Selbst, das das verborgene Licht in seinen Händen tragen konnte. Ich würde ein Jahr oder sämtliche Tage meines Lebens wandern und mich niemals verirren, denn ich wusste, die leuchtenden, glänzenden Sterne würden mir stets den Weg weisen.