Leseprobe zu Keyn

AUS: Das Valashu-Epos, Band 1: Der magische Stein

Was Maram betraf, so betrachtete er seinen Feuerstein wie ein Kind, das ein langersehntes Geburtstagsgeschenk bekommen hatte. Selbst wenn er seinen Fuchs über die steilsten Pfade lenkte, hielt er den Kristall stets in der Hand, schwang ihn wie ein Schwert oder drückte ihn fest an seine Brust. Er studierte das dunkle, rote Innere des Steins mit einer Sorgfalt, die er weder der Saganom Elu noch den Heilkünsten je hatte zukommen lassen. Der leidenschaftliche Wunsch, den Kristall zu benutzen, hatte von ihm Besitz ergriffen, und ich betete, dass sein Vorsatz, ihn sorgsam anzuwenden, ebenso stark war.

Später am Nachmittag, als wir unser Lager neben einem Flüsschen aufschlugen, das durch ein hübsches Tal rauschte, rief er das erste Mal Feuer aus seinem Stein hervor. Wir alle sahen zu, als er über einem Haufen trockener Zweige niederkniete und den Gelstei so hinlegte, dass er das wenige Licht einfing, das die Sonne durch das dichte Laubdach des Waldes schickte. Und es war gut, dass der Kristall nur wenig Licht einsaugen konnte. Denn gerade als Marams gesamter Körper vor Erregung bebte und er vor Erstaunen laut aufkeuchte, barst ein roter Feuerstrahl aus der spitzen Ecke des Kristalls. Die Flamme schoss wie ein Blitz in die Zweige, ließ den Zunder auflodern und verwandelte ihn augenblicklich in schwarze Asche. Die Steine warfen das Feuer geradewegs zurück in Marams Gesicht, so dass seine Wangen und seine Augenbrauen angesengt wurden. Ihm schien das nichts auszumachen, vielleicht spürte er auch gar nichts. Er sprang von der Feuerstelle auf und reckte seinen Kristall gen Himmel. »Ja! Oh, Herr, ja - ich habe es getan!«

Danach entschieden wir, dass Keyn über Maram wachen sollte, wann immer er Feuer aus dem roten Gelstei herbeirief. Als Maram am nächsten Morgen nur zum Spaß versuchte, Löcher in einen alten Stamm zu brennen, holte Keyn seinen schwarzen Stein hervor. Seine schwarzen Augen wurden lebendig und spiegelten den dunklen Glanz seines Gelstei wider, ansonsten hatte es den Anschein, als berühre sein gesamtes Wesen einen Ort, der jegliches Licht verschlang. Die Kälte, die ihn überkam, ließ mein Herz frösteln und erinnerte mich an Dinge, die ich zu vergessen suchte. Doch sie schien auch das Feuer von Marams Kristall zu kühlen. Tatsächlich brachte Maram kaum mehr als eine kleine Flamme zustande, die einer Kerze würdig gewesen wäre - und das auch nur, nachdem Keyn seinen Gelstei mit der Faust umschlossen hatte. Wenn Maram seinem Ärger darüber Luft machte, dass er mit Keyn zusammenarbeiten musste und seine Anstrengungen beim Feuermachen zunichte gemacht wurden, wurde Keyn zornig. Und als Maram sich dann auch noch beklagte, Keyn sei zu weit gegangen, hielt Keyn ihm den schwarzen Gelstei beinahe unter die Nase und knurrte: »Glaubst du, es macht mir Spaß, diesen verfluchten Stein zu benutzen? Ich bin zu weit gegangen, ja? Was weißt du schon davon, was das heißt, zu weit zu gehen?«

Seine Worte blieben mir ein Rätsel, bis wir an diesem Abend unser Lager aufschlugen. Während der letzten zwei Tage hatten wir den schmalen Gebirgszug fast ganz hinter uns gebracht, und genau westlich und unterhalb von uns schimmerte ein Meer von Grün: der Vardaloon. An der Flanke eines Berges fanden wir einen Sims aus Erde, von dem aus wir einen guten Blick auf den Wald hatten, und dort errichteten wir unsere Feuerstelle, um die herum wir unsere Schlaffelle ausbreiteten. Um Mitternacht, gleich nachdem Alphanderry seine Wache beendet und sich zum Schlafen niedergelegt hatte, standen Keyn und ich beieinander und sahen Flack zu, der vor dem Sternenhimmel herumwirbelte.

»Zu weit«, sagte Keyn wieder mit leiser Stimme. »Immer ist es zu weit.«

»Was ist zu weit?«, fragte ich und drehte mich zu ihm um.

Eine Weile sah er mich nur an. Sein Gesicht wurde weicher, und in seinen Augen schien sich das Sternenlicht zu sammeln. »Du könntest es verstehen. Wenn überhaupt ein Mensch es kann, dann du.«

Er lächelte mich an, und die Wärme, die er verströmte, war ein willkommener Balsam gegen die Kälte der Berge. Dann öffnete er seine Hand, um mir den schwarzen Gelstei zu zeigen, und sagte: »Es gibt einen Ort. Einen Ort, und nur einen, ja? Dort sammeln sich alle Dinge; sie schimmern, sie wirbeln, sie zittern wie ein Kind, das darauf wartet, geboren zu werden. Von diesem Ort aus drängen alle Dinge hinaus in die Welt. Wie Rosen, Val, wie die Sonne, die am Morgen aufgeht. Aber die Sonne muss auch wieder untergehen, nicht? Rosen sterben bald und kehren zur Erde zurück. Die Quelle aller Dinge ist gleichzeitig ihre Negation. Also, dies ist die Macht des schwarzen Gelstei. Er berührt diesen einen Ort, diese vollkommene Schwärze. Er berührt den roten Gelstei oder den weißen, die Blumen oder die Seelen der Menschen. Und welches Feuer auch brennt, es wird von ihm in die Schwärze gerissen, wie der letzte Seufzer eines Menschen in einen Strudel.«

Er hielt inne und starrte seinen Stein an, während Flack noch heftiger herumwirbelte und noch strahlender leuchtete. Ich wartete darauf, dass er fortfuhr, doch er schien sich im Schweigen verloren zu haben.

»Um diesen Gelstei zu benutzen«, sagte ich daher, »musst du also diesen Ort berühren?«

»Ja, genau - das muss ich«, murmelte Keyn und nickte. »Ich kann es nicht, aber ich muss.«

»Es ist gefährlich, ja?«

»Gefährlich - ha! Du hast ja keine Ahnung, du hast ja nicht die leiseste Ahnung!«

»Dann sag es mir.«

Seine Stimme klang plötzlich seltsam, tiefer als sonst, als er Flack ansah und weitersprach. »Dieser Ort, von dem ich rede - er ist dunkler als jede Nacht, die du je erlebt hast. Aber da ist noch etwas anderes. Aus ihm kommen die Sonne, der Mond, die Sterne, ja, selbst das Feuer der Timpimpiri. Das Feuer, Val, das Licht. Es hat kein Ende. Deshalb sind die schwarzen Steine die gefährlichsten Gelstei überhaupt. Geh zu weit, berühre, was nicht berührt werden darf, und es hat kein Ende. Dann geschieht anstelle der Negation das Gegenteil. Also ein Licht hinter dem Licht. Wenn ein schwarzer Gelstei falsch angewendet wird, könnte aus ihm ein solches Feuer strömen, wie es seit dem Anbeginn der Zeit keines gegeben hat.«

Er sah zu Maram hinüber, der beim Feuer schlief, den roten Kristall in der Hand. Dann starrte er lange Zeit auf die leuchtenden Sterne. »Nein, Val, es ist nicht die Dunkelheit, die ich fürchte.«

Wir standen am Berghang und sprachen über die Gelstei, während der Himmel sich veränderte und die Nacht dunkler wurde. Doch da er Keyn war, der Mann aus Stein, der in seinem Innern auch ein tiefes, strahlendes Licht bewahrte, wiederholte ich nach einem Weilchen die Worte, die Mithuna mir beim Abschied zugeflüstert hatte.

»Es ist etwas im Vardaloon«, sagte ich und blickte auf die dunklen Berge. »Etwas Dunkles, hat Mithuna gesagt.«

»Nun, es gibt viele Geschichten über den Vardaloon«, murmelte Keyn.

»Erzähl mir davon.«

»Es sind nur Geschichten.«

»Vielleicht«, sagte ich.

»Du fürchtest dieses Etwas, nicht?«

Ich starrte eine ganze Weile - etwa zehn Herzschläge - einfach nur in die Nacht. »Ja«, sagte ich dann.

»Nun«, meinte er. »So ist es immer. Die Angst ist am schlimmsten, nicht? Also gut, erschlagen wir zumindest diesen einen Feind, wenn es uns möglich ist.«

Ohne Vorwarnung riss er plötzlich sein Schwert aus der Scheide, so schnell, dass es die Luft in Brand zu setzen schien. Ich hörte den Stahl nur wenige Zoll vor meinem Gesicht vorbeizischen.

»Was tust du?«, fragte ich.

»Zieh blank! Zieh jetzt dein Schwert, sage ich! Es ist an der Zeit, dass wir ein bisschen mit den Klingen üben!«

»Hier? Jetzt? Es muss beinahe Mitternacht sein.«

»Na und?«

»Es ist zu dunkel, man sieht nichts.«

»Natürlich – darum geht es ja! Und jetzt zieh deine Klinge, bevor ich die Geduld verliere!«

»Aber wir werden die anderen aufwecken.«

»Dann wachen sie eben auf, verflucht! Zieh endlich dein Schwert!«

Ich blickte zu unseren fünf Freunden hinüber, die beim Feuer lagen und fest schliefen. Es war nicht viel Platz zwischen ihnen und der Mauer aus Dornen und Zweigen, die wir errichtet hatten, um unser Lager zu sichern. Wieder sah ich Keyn an, und die Veränderung, die über ihn gekommen war, ließ mich frösteln. Das Kalama in der Hand, stand er da und funkelte mich an. Die Sterne spendeten gerade genug Licht, dass ich die Klinge hinter seinem Kopf glitzern sah.

»Also gut«, sagte ich und zog mein Kalama aus der Scheide.

Ich hätte eigentlich dankbar sein sollen, dass er sich dazu herabließ, mit mir zu üben. In all den Schlachten, die ich geschlagen hatte, oder in all den Duellen, deren Zeuge ich gewesen war, hatte ich niemals jemanden gesehen, der so mit dem Schwert umgehen konnte wie er. Er beherrschte Dinge, die nicht einmal Asaru oder Lansar Raasharu, der Waffenmeister meines Vaters, kannte. Und er hatte die Eigenheit, seine Geheimnisse noch wachsamer zu hüten als ein Geizhals sein Gold. Jetzt jedoch schien er willens, sie mit mir zu teilen.

»Ha!«, rief er. »Ha! Komm, Valashu Elahad!«

Seine lange stählerne Klinge zuckte aus dem Dunkel wie ein Blitz aus dem geschwärzten Himmel. Ich hatte kaum Zeit, mein Kalama hochzureißen und zu parieren. Das Klirren von Stahl auf Stahl hallte über den ganzen Berghang. Genau wie ich befürchtet hatte, wurden Atara und die anderen augenblicklich aus dem Schlaf gerissen. Während Maram mit seinem Kristall wild vor seinem Gesicht herumfuchtelte, griff Atara nach ihrem Schwert und hätte uns auch gewiss angegriffen, wenn Keyn sie nicht zurückgehalten hätte. »Wir sind es nur, legt euch wieder hin! Oder steht auf und seht zu, wenn ihr wollt.«

Wieder zuckte sein Schwert in meine Richtung, und wieder parierte ich - um wenige Zoll, sowohl nach dem kreischenden Klang wie nach Augenmaß zu urteilen. Wir starrten uns in der Dunkelheit an, warteten darauf, dass der andere sich rührte.

Und Keyn rührte sich, griff plötzlich und explosiv in einem wüsten Sturm aus Hieben an. Einige Augenblicke lang wirbelten wir über den dunklen Boden, täuschten und hieben um uns. Etwas Dunkles kam über ihn - oder barst aus ihm heraus wie ein Tiger, der bei Nacht auf Jagd geht. Es wusste nicht viel von Kameradschaft und nichts von den Konventionen eines freundschaftlichen Übungskampfes. Ich stand mit blankem Schwert vor Keyn, und das war das Einzige, was für ihn zählte. Im Wahnsinn dieses Augenblicks, in seinen wilden, schwarzen Augen, die ich kaum sehen konnte, war ich irgendwie zu seinem Feind geworden. Und ich fragte mich, ob er zu meinem geworden war: Hatte Morjin ihn sich irgendwie untertan gemacht? Hatten die Lügen des Roten Drachen ihren Weg in sein Herz gefunden? Seine plötzliche vollkommene Bösartigkeit erschreckte mich, denn ich wusste, dass er mich vernichten würde, wenn er konnte.

»Ha!«, frohlockte er laut, »ha - noch einmal!«

Hätte ich nicht die Gabe besessen, seine Bewegungen zu erahnen - und die Fertigkeiten, die mein Vater mir beigebracht hatte -, er hätte mich wirklich leicht töten können. Immer wieder schlug er mit dem Schwert auf mich ein, und es gelang mir stets nur knapp, aus dem Weg zu tänzeln oder seine wüsten Hiebe zu parieren.

»Noch einmal!«, rief er. »Noch einmal!«

Erneut umkreisten und beäugten wir uns, tauschten dann wieder blitzschnelle Schwerthiebe aus. So kämpften wir eine ganze Weile, bis der Schweiß durch mein Kettenhemd drang und die kühle Luft beim Atmen wie Feuer in meiner Lunge brannte. Ich sprang über den nur vom Sternenlicht erhellten Boden und suchte nach einer Lücke in seiner Deckung, die ich nicht finden konnte. Schließlich wich ich zum Feuer zurück, wo die anderen saßen und uns beobachteten. Ich hob die Hand, schüttelte den Kopf und beugte mich vor, um zu Atem zu kommen.

»Noch einmal!«, rief Keyn. Der Feuerschein tauchte seine kurzen weißen Haare und das harte Gesicht in einen rötlichen Schimmer.

»Was tust du da?«, stellte Atara ihn zur Rede. Sie war jetzt ganz eindeutig beunruhigt und umklammerte den Griff ihres eigenen gekrümmten Schwertes.

»Kämpfe, Valashu!«, brüllte Keyn mich an. »Versteck dich nicht hinter anderen! Kämpfe jetzt, verflucht - kämpfe, sage ich!«

Ich hatte keine andere Wahl, als zu kämpfen. Hätte ich mein Schwert nicht hochgerissen, um seinen Hieb zu parieren, hätte er mich in die Anderswelt geschickt. Nicht einmal Atara wäre schnell genug gewesen, um ihn aufzuhalten. Sein heftiger neuerlicher Angriff packte mich wie ein Wirbelwind. Seine schwarzen Augen blitzten im Schein des Feuers immer dann auf, wenn auch sein Schwert aufblitzte, und ich spürte, dass auch meine eigenen Augen blitzten. Und ich spürte noch etwas anderes. Sein gesamtes Sein loderte nur mit einem einzigen Ziel: zuzuschlagen, zuzustoßen, zu zerreißen und zu zerstören, zu überleben - nein, danach zu streben, immer und ausschließlich intensiv und vollständig zu leben und dabei jubelnd und voller Freude das zu vernichten, was bereit war, ihn zu vernichten. Und das alles mit der völligen Gewissheit, dass er nicht versagen konnte, dass ihm stets ein Licht hinter dem Licht zeigen würde, wo sein Schwert zuschlagen musste, und dass ein unendliches Feuer immer bereit sein würde, sein wildes Herz zu erfüllen. Sein Schwert berührte meins, und ich spürte plötzlich seinen schrecklichen Willen in mir aufflackern. Jetzt wusste ich, dass das Licht dieses Willens jede Dunkelheit vertreiben konnte, die ich fürchtete. Dies war die erste Lektion und auch die wichtigste.

»Gut!«, rief er. »Gut!«

Zanshins zeitlose Ruhe im Angesicht großer Gefahr war eine Sache, das hier war etwas ganz anderes. Ich fand plötzlich die Kraft, vorzuspringen und ihn mit all der Wut und Wildheit anzugreifen, mit der er auf mich losgegangen war. Der Stahl meines Kalama fing das Sternenlicht auf, als ich die lange Klinge auf ihn zuwirbeln ließ. Einen Augenblick lang schien es, als hätte ich seine Verteidigung durchbrochen. Doch er war gerissener als ich, und besser mit dem Schwert. Er tauchte unter meinem Hieb weg und machte mit unglaublicher Geschwindigkeit einen Satz nach vorn. Und dann stellte ich plötzlich fest, dass seine Schwertspitze beinahe meine Kehle berührte.

»Gut!«, rief er wieder. »Sehr gut, Valashu! Das reicht für eine Nacht, was?«

Damit steckte er sein Schwert wieder ein, trat zu mir und umarmte mich. Ich starrte ihn an.

»Du hättest mich getötet, nicht wahr?«, fragte ich ihn.

»Hätte ich das getan?«, sagte er wie zu sich selbst. Dann wurde sein Blick hart, und er knurrte: »Nun - ich hätte es getan, wenn du nicht mit ganzem Herzen gekämpft hättest. Diese Queste hier ist keine Übungsstunde. Wir haben möglicherweise nur eine Chance, den Lichtstein zu finden, und wir sollten verdammt gut darauf vorbereitet sein, sie zu nutzen.«

Ich legte mich zum Schlafen nieder, um über das nachzudenken, was er gesagt hatte - und was er mich gelehrt hatte. Als ich am nächsten Morgen erwachte, verspürte ich merkwürdigerweise den drängenden Wunsch, wieder die Klinge mit ihm zu kreuzen. Aber an diesem Tag galt es, in unbekanntes Land vorzudringen. Keyn versprach mir für den Abend eine weitere Runde mit den Schwertern, falls ich wollte, und damit musste ich mich begnügen.