Leseprobe zu Liljana

Aus: Das Valashu-Epos; Band 3: Der verfluchte Wald

»Es ist nicht so, dass sie begünstigt sind«, sagte Meister Juwain. »Eher sind wir von Ea es nicht. Du musst wissen, dass es höchst gefährlich ist, die wahren Wegelieder zu hören. Denke nur an die geringeren, die ich dich gelehrt habe. Wenn sie nicht richtig oder in der falschen Reihenfolge gelernt werden, könnten sie jemanden zu einer Klippe führen und hinabstürzen lassen. Dies trifft noch viel mehr auf die höheren Wegelieder zu, die jemandem den Weg weisen sollen, auf dem er zu einem Elijin wird, oder auf dem er von einem Elijin zu einem Galadin wird.«

Die Furcht, die Marams Gesicht überzog, rief mir den Sturz von Angra Mainyu in Erinnerung – und den von Morjin.

»Ich stelle fest, dass du gesagt hast, ›auf dem er zu einem Elijin wird‹«, nörgelte Liljana an Meister Juwain herum. Ihre Stimme war so scharf wie eines ihrer Kochmesser.

»Das war nur eine Redensart«, erklärte Meister Juwain. »Natürlich müssen Frauen den gleichen Weg beschreiten wie Männer.«

»Oh, müssen wir das, ja?« Aus Liljanas weichem Gesicht leuchtete der stählerne Wille, der tief in ihrem Innern verborgen war. »Du meinst, wir müssen den Männern folgen«, fügte sie dann hinzu.

»Nein, ganz und gar nicht«, widersprach Meister Juwain. »Ihr sollt an unserer Seite gehen.«

»Wie gnädig von euch, unsere Anwesenheit zu erlauben!«

Meister Juwain rieb sich den Nacken und seufzte. »Ich meinte nur, dass unser Weg vor uns liegt und wir ihn gemeinsam gehen werden.«

»Oh, ist das so?«

Liljana rückte näher an Meister Juwain heran und kniete sich neben ihn. Sie legte den Daumen der einen Hand an die übrigen Fingerspitzen und richtete die Hand auf ihn. Dabei lächelte sie, während tief in ihrer Kehle ein Geräusch erklang, das bemerkenswert dem Zischen einer Natter ähnelte. Und dann schoss ihr Arm vor, schnell wie eine Viper, und sie drückte die gespitzten Finger gegen Meister Juwains Lenden.

»Ich vermute, dein Weg ist der der Schlange«, sagte sie zu ihm.

»Und deiner nicht?«

»Es gibt Schlangen und Schlangen«, erklärte sie. »Unsere steht für den Kreislauf des Lebens, und wir nennen sie Uroboros.«

Was dann folgte, während das Feuer immer weiter herunterbrannte und die Nacht sich herabsenkte, war ein langer Streit über die verschiedenen Wege, die Männern und Frauen offen standen. Liljana sprach von der heiligen Lebenskraft, die jedem innewohnte, und von den Künsten, mit denen die Maitriche Telu sie beschleunigten und verstärkten. Meister Juwains Hauptaugenmerk galt der Transzendenz und dem Weg zurück zu den Sternen. Ich gab gar nicht erst vor, all ihren gewundenen Behauptungen und Rechtfertigungen folgen zu können, denn vieles von dem, was sie sagten, war nur Eingeweihten bekannt, streng gesetzestreu und manchmal sogar kleinlich. Ich begriff, dass ihr Streit bis ins Zeitalter der Mutter zurückreichte, als der Orden der Schwestern und Brüder der Erde zerbrochen war. Und ähnlich Geschwistern der gleichen Familie, die verschiedene Lebenswege beschreiten, stritten sie besonders heftig, da sie die gleiche Sprache sprachen und viel voneinander wussten. Sie sprachen beide von der Schlange als der Verkörperung des lebenswichtigen Feuers. Beide lehrten das Öffnen der Körperchakren, der Räder des Lichts, die sich in jedem Mann, in jeder Frau und in jedem Kind drehten. Aber sie gaben diesen Dingen verschiedene Namen und glaubten, dass sie unterschiedlichen Zwecken dienten.

Als Meister Juwain bemerkte, dass Daj dem Streit aufmerksam folgte, wandte er sich an den Jungen. »Wir von der Bruderschaft lehren den Weg der Kundala. Bei der Geburt liegt sie zusammengerollt in uns allen. Es gibt ein Wegelied darüber:

 

Bei der Wirbelsäule die Schlange ruht.
In ihrem Herzen brennt eine lodernde Glut.
Die Schlange erwacht und beginnt sich zu recken-
Und das Rückgrat hinauf ihre Flammen lecken.

 

Durch Chakra um Chakra, immer weiter nach oben,
Bis sie lodert wie die Sonne hoch dort droben,
Bricht dann heraus, eine Krone aus Licht:
Und ein Engel schwebet im Sternenlicht.

 

»Das ist der Pfad der Menschen«, sagte Meister Juwain zu Daj. »Es ist ein gerader Pfad, wenn auch schwierig und gefährlich. Wir alle besitzen sieben Körper, entsprechend den sieben Chakren entlang unserer Wirbelsäule, und sie müssen alle nacheinander erwachen.«

Dajs Augen weiteten sich bei diesen Worten, und er sah auf seine schlanke Hand, klopfte sich gegen die Brust. »Wie können wir mehr als einen Körper haben?«, wollte er wissen.

Meister Juwain lächelte. »Wir haben nur einen körperlichen Körper, das ist wahr. Aber wir haben außerdem noch den Körper der Leidenschaften, der mit dem zweiten Chakra zusammenhängt, das wir das Svaditshana nennen, oder auch den geistigen Körper.«

»Ich wusste nicht, dass sie auch ›Körper‹ genannt werden. Das klingt seltsam.«

»Aber du verstehst, dass ein Junge niemals ein Mann werden kann, wenn er sie nicht vollständig ausbildet, ja?«

Zur Antwort verdrehte Daj die Augen, als hätte Meister Juwain ihn gebeten, die Summe von zwei und zwei zu bilden.

Meister Juwain fuhr unbeirrt fort. »Ich fürchte, dass die meisten Menschen nicht über diese drei Körper hinaus kommen, ja dass sie nicht einmal diese vollständig entwickeln. Der körperliche Körper zum Beispiel kann dazu gebracht werden, jede Verletzung zu heilen. Er kann sogar abgetrennte Gliedmaßen neu bilden. Er ist von seiner Anlage her unsterblich.«

Bei diesen Worten blickten wir alle Keyn an. Aber er sagte nichts dazu, und wir taten es auch nicht.

»Aber was ist dann der vierte Körper?«, fragte Daj.

»Das ist unser Traumkörper, auch Astralkörper genannt. Er ist die Brücke zwischen der Materie und dem Geist, und er wird durch das Anahata erweckt, das Herzchakra.«

Meister Juwain streckte seine knorrige Hand aus und legte sie Daj auf die Brust.

»Noch ein Stück höher befindet sich der ätherische Körper, der das Muster für unseren physischen Körper bildet und unser Potenzial zur Vollkommenheit enthält«, erzählte er weiter. »Und dann ist da der Himmelskörper. Dort liegt unsere sechste Sicht, die des Unendlichen. Der höchste Körper ist der ketherische, der mit dem Sahastara-Chakra in der Mitte des Schädels verbunden ist.«

Bei diesen Worten strich Meister Juwain Daj über die zerzausten Haare und sagte, dass jeder dieser Körper eine Aura in einer ganz bestimmten Farbe ausstrahlte: beim ersten Chakra war sie rot, beim zweiten orange, und so weiter bis zum sechsten Chakra, das ein tiefes violettes Licht von sich gab. Das höchste Chakra verströmte, wenn es vollständig entwickelt war, ein reines, weißes Licht.

Daj lächelte Meister Juwain an, und als dieser zurücklächelte, sprach er:

 

Durch Chakra um Chakra, immer weiter nach oben,
Bis sie lodert wie die Sonne hoch dort droben,
Bricht dann heraus, eine Krone aus Licht:
Und ein Engel schwebet im Sternenlicht.

 

»Ja, so ist es«, sagte Meister Juwain, dessen Stimme jetzt ganz aufgeregt klang. »Wenn wir ganz erwacht sind, jeder Teil von uns, flitzt die Kundala nach oben und verbindet uns wie ein Blitzstrahl mit dem Himmel. Und dann wandeln wir als Engel unter den Sternen.«

Liljana zog ein finsteres Gesicht, während sie Meister Juwains Hand anstarrte, die noch immer auf Dajs Kopf ruhte. »Die Schlange springt nicht heraus, sondern erhellt unser Sein vielmehr von innen«, schnappte sie. »Und dann, wenn wir vollständig erwacht sind, können wir, so wie unsere Mutter Erde der Sonne ihr Gesicht zuwendet, das Feuer der Sterne zu uns herabziehen

Sie seufzte und warf Meister Juwain einen vorwurfsvollen Blick zu. »Und du solltest wissen, dass der Name der Schlange Uroboros lautet.«

Sie erzählte uns weiter von dem urzeitlichen Bildnis, dass ihrem Orden heilig war. Uroboros, sagte sie, hause in jedem von uns als eine große Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss. Dies bezog sich auf den größeren Kreislauf des Lebens, auf die Art und Weise, wie das Leben von anderem Leben lebte, es tötete und verzehrte, und doch durch die Zeitalter hindurch fortdauerte, stets in seinen Myriaden von Formen lebendig war und noch stärker wurde. Uroboros, so sagte sie, würde seine Haut eine Million mal eine Million Male abstreifen und war unsterblich.

»In jedem von uns ist eine heilige Flamme, die nicht gelöscht werden kann«, sagte sie. »Es handelt sich um einen Ring aus Feuer, der ewig existiert, denn er wird von den Feuern der Himmel und denen der Erde genährt. Und unser Weg muss es sein, dieses Feuer in jeden Teil unseres Seins zu bringen, und so auch in andere – und in alles. Um so alle Dinge zu erwecken und sie dem Leben näher zu bringen.«

Atara hatte bisher nur sehr wenig gesagt. Aber als sie jetzt sprach, schoss sie ihre Worte wie Pfeile auf Meister Juwain und Liljana ab, und traf geradewegs den Kern der Sache. »Sicher bedeutet Alphanderrys Lied, dass eure Wege beide wichtig sind, dass sie letztendlich ein und derselbe sind.«

Keyn lächelte, brach sein beunruhigendes Schweigen jedoch nicht.

Maram schob eigenwillig das Wesentliche all dessen, was Meister Juwain und Liljana gesagt hatten, beiseite. »Oh, ich habe diese verfluchte Schlangensymbolik nie ganz verstanden. Schlangen sind tödlich, oder nicht? Und die großen Schlangen – die Drachen – sind sogar richtig böse.«

Meister Juwain übernahm es, auf diesen Einwand zu antworten. Er rieb sich den kahlen Kopf und sagte: »Schlangen sind nur deshalb tödlich, weil sie so viel Kraft in ihren Windungen haben, und daher auch Leben. Und der Drache, gegen den wir in Argattha gekämpft haben, war böse, so wie alle Wesen und Dinge böse sind, die von Morjin und Angra Mainyu verdorben wurden. Aber der Drache selbst? Ich würde sagen, er ist reines Feuer. Und Feuer kann dazu benutzt werden, Unschuldige zu quälen oder die Sterne zu entfachen.«

Mir gefiel diese Antwort, aber Maram schien sie nicht zufrieden zu stellen. »Nun, ich für meinen Teil werde diese glitschigen, dahingleitenden Tiere nie mögen«, murmelte er. »Ob ich sie nun in alten Versen oder Büchern finde oder im hohen Gras unter meinem unachtsamen Fuß.«

Liljana warf ihm einen scharfen Blick zu. »Du hast einfach Angst vor ihnen, nicht?«

»Nun, und wenn das so wäre?«

»Deine Angst ist weder für dich gut noch für uns. Wenn du mehr Zeit damit verbracht hättest, Meister Juwains Übungen zu machen und zu den höheren Chakren aufzusteigen, würdest du dir vielleicht nicht so viele Sorgen machen.«

»Aber ich dachte, du würdest Meister Juwains Weg verschmähen?«

»Verschmähen? Solche Gedanken kann ich mir nicht leisten. Wir sind uns über bestimmte Dinge uneins, mehr nicht.«

Soweit ich wusste, lehrten die Schwestern der Maitriche Telu ebenfalls das Anregen der Körperchakren, aber sie zählten und benannten diese Lichträder anders: Malkuth, Yesod, Tiphereth und sieben andere. Seltsamerweise nannte Liljana das höchste Chakra Keter, was fast mit dem ketherischen Körper der Bruderschaft übereinstimmte, der sich auf das Kronenchakra auf dem Scheitel des Kopfes bezog.

»Du verweilst zu häufig im ersten Chakra«, sagte Liljana zu Maram. »Aus Angst um dein kostbares Leben. Dies zwingt dich zum zweiten Chakra, in dem blinden Drang, mehr Leben hervorzubringen. Und dort verweilst du, wie wir alle gesehen haben, viel zu lange und ausgelassen.«

»Oh, nun, was macht das schon!«, schnappte Maram.

Meister Juwain, der sich in diesem Augenblick auf Liljanas Seite stellte, unterstützte ihre Kritik. »Deine Genusssucht befeuert dein zweites Chakra auf Kosten der anderen und hält dich dort gefangen. Du bleibst der Lust gegenüber anfällig – und der Trunkenheit und den anderen Lastern, die sie unterstützen und begünstigen.«

Maram blickte zu den Pferden, zu den Satteltaschen, in denen der Branntwein sicher verstaut war. Er leckte sich die Lippen. »Oh, das ist etwas, das ich an der Bruderschaft und all euren Bräuchen gar nicht ausstehen kann. Ihr seid so verflucht trocken. Mit eurem verfluchten trockenen Atem blast ihr die süßeste Flamme aus, nur um diese höheren Fackeln entzünden zu können. Und wieso? Damit ihr eure Tage – und Nächte – voller Qual verbringen und auf eine Transzendenz warten könnt, die vielleicht niemals eintritt? Das ist keine Art zu leben, oder? Wenn ich eine Flasche in der Hand hätte, würde ich einen Trinkspruch auf die Trunkenheit im süßen, süßen Hier und Jetzt ausbringen – und einhundert weitere auf die Lust!«

Wieder beäugte er die Satteltaschen, als hoffte er, dass Meister Juwain oder ich eine Flasche herholen und ihn von seinem Schwur entbinden würden. Dann schüttelte er den Kopf und murmelte: »Nun, wenn ich nicht auf das trinken kann, was das Beste im Leben ist, werde ich es besingen. Gebt mir einen Augenblick, die Verse zu schmieden – wartet!«

Er streckte die rechte Hand aus und legte die andere über seine geschlossenen Augen. Seine Lippen bewegten sich stumm, aber von Zeit zu Zeit rief er uns zu: »Wartet, nur noch ein paar Augenblicke – ich habe es fast.«

Während Keyn ein paar weitere Scheite aufs Feuer legte, saßen wir alle da, lauschten dem Prasseln und Zischeln und betrachteten Maram. Schließlich nahm er die Hand von seinen dichten Brauen und sah uns an. Er lächelte breit. Dann stand er auf und stemmte die Hände in die Hüften, starrte Meister Juwain an und rief mit seiner gewaltigen, dröhnenden Stimme:

 

Der höhere Mann strebt nach höheren Dingen:
Nach alten Büchern, Kristallen und Engelsschwingen.
Er lebt, um zu beten und um sich zu sehnen
Nach dem Guten, dem Wahren und dem Schönen.

 

Und so wird er dann hausen und sich aalen
In verschiedenen Arten von höheren Qualen.
Im sechsten oder siebten Rad des Lichts –
Es herrscht zu viel Schmerz bei so viel Sicht.

 

Doch ein süßes Feuer im Unterleib brennt,
Eine süße Art des Begehrens man kennt.
Im Arm einer Frau, in des Weines Gluten,
In lieblicher Wonne und Göttlichkeits-Fluten.

 

Ich bin der Zweites-Chakra-Mann;
Vergnüge mich, wann immer ich kann;
In der Schenke, am Tisch und auf dem Diwan –
Ich bin der Zweites-Chakra-Mann.

 

Während Maram diese Verse und auch noch weitere sang, sie wie freigelassene Vögel aus seinem Mund strömen ließ, wackelte er immer wieder unanständig mit den Hüften. Schließlich hörte er auf und grinste uns an, eingerahmt vom Schein des Feuers. Niemandem von uns schien darauf etwas einzufallen.

Doch dann brach Keyn in schallendes Gelächter aus und klatschte in die Hände, und wir folgten seinem Beispiel. »Hmmpf«, machte Atara, »wärst du bei den Kurmaken geblieben und hättest dir dort Frauen genommen, wie mein Großvater es vorgeschlagen hat, wäre die Kraft deines zweiten Chakras einer echten Prüfung unterzogen worden.«

»Um wie viele Frauen wäre es gegangen?«

»Große Anführer nehmen zehn oder sogar zwanzig, aber es heißt, dass nur ein wirklich großer Mann wie Sajagax sie zufrieden stellen kann.«

Sie lächelte Liljana an, und diese fügte hinzu: »Unser Orden hat herausgefunden, dass zehn oder sogar zwanzig Männer nötig sind, um es mit dem Feuer einer Frau aufzunehmen, wenn der Vulkan namens Netzach erwacht ist.«

»Glaubst du?«, fragte Maram mit einem Augenzwinkern und einer weiteren kreisenden Bewegung seiner Hüften. »Dann sollte ich vielleicht sagen, das meine, äh, Größe niemals einer richtigen Prüfung unterzogen worden ist. Vielleicht bin ich ein Narr, dass ich überhaupt in Betracht ziehe, mich nur mit Behira zu verheiraten und den valarischen Bräuchen treu zu bleiben.«

»Möchtest du lieber unsere sarnischen Bräuche ausprobieren?«, fragte Atara ihn.

»Was diese Sache betrifft, ja. Ich würde mir dreißig Frauen nehmen, wenn ich könnte. Und ich würde mich, äh, mit allen in einer einzigen Nacht amüsieren.«

»Mit meinen Stammesgenossinnen?«, meinte Atara. »Sie würden dich noch vor dem Morgengrauen töten.«

»Das sagst du.«

Atara lachte. »Und du möchtest, dass sie dich ›Zwanzighörniger Maram‹ nennen, vermute ich?«

»Genau, genau. Es würde andere neugierig auf mich machen, oder nicht?«

»Das würde es. Und du wärst glücklich, wenn du diese Neugier mit anderen Frauen stillen könntest, die nicht deine Frauen sind, nicht wahr?«

»Oh«, sagte er, begleitet von einem Rumpeln seines Bauches und einem zufriedenen Rülpser. »Zumindest ein Mensch versteht mich.«

»Ich verstehe vor allem eins: solltest du deine Angewohnheiten auf die Frauen meines Stammes anwenden, würden deren Ehemänner und Väter ihre Schwerter ziehen und dich in einen Nullhörnigen Maram verwandeln.«

Im flackernden Licht der Flammen wurde Marams fröhliches Gesicht schlagartig bleich. »Nun, ich bezweifle, dass ich einen guten sarnischen Krieger abgeben würde. Ich werde mit anderen Frauen üben müssen, die mir unterwegs begegnen.«

Atara fingerte an ihrem Säbel herum. Und dann sagte diese grimmige junge Frau: »Wenn es denn wirklich notwendig ist – aber glaube ja nicht, du könntest bei mir üben.«

Maram hob beschwichtigend und hilflos die Hände, als würden andere sich immer gegen ihn verschwören und das Schlechteste von ihm denken. Sein Blick fiel auf Liljana. »Ich sollte dich warnen«, sagte sie. »Wenn du dich mit deinen Hörnern einer geübten Matrone der Maitriche Telu näherst, wird sie dich vermutlich töten – und zwar mit Vergnügen. Aber vielleicht findest du irgendwo hier in diesen Bergen eine nette alte Vettel.«

Die geisterhaft weißen Gipfeln des Nagarshath schimmerten schwach unter den Sternen. Es sah so aus, als gäbe es auf tausend Meilen keine anderen Menschen, erst recht keine willigen Frauen.

»Maram täte besser daran, die Wegelieder zu üben, die ich ihm beigebracht habe«, meinte Meister Juwain. »Wieso ziehen wir uns jetzt nicht alle zurück und versuchen, ordentlich Schlaf zu bekommen? Morgen müssen wir tiefer in das Tal vordringen, dann werden wir herausfinden, was sich am Ende befindet.«

Er lächelte Maram zu. »Sag mir doch bitte noch einmal das passende Wegelied auf, ja?«

Und wieder sprach Maram pflichtbewusst:

 

Aus der Schlucht in ein bewaldetes Tal man gerät;
Mit Schieferhängen im Süden, von Muscheln übersät.
Wo die Sonne versinkt, dort teilt sich das Tal;
Und der Suchende steht nun vor schwieriger Wahl.
Er muss sich erinnern, sonst verirrt er sich sehr:
Einst segelte hier König Koru-Keer.

 

Abgesehen von Keyn, der die erste und längste Wache dieser Nacht hielt, wickelten wir uns in unsere Umhänge und ließen uns auf den Schlaffellen nieder. Maram breitete seines neben mir aus, und ich lauschte noch fast eine ganze Stunde seinen Worten, als er die Verse sprach. Aber es waren nicht die Verse, die Meister Juwain gemeint hatte. Ich lächelte, als ich vom Gesang meines unverbesserlichen Freundes begleitet wegdämmerte:

 Ich bin der Zweites-Chakra-Mann,
Vergnüge mich, wann immer ich kann...