Leseprobe zu Maram

Aus: Das Valashu-Epos; Band 2: Der Herr der Lügen

Sajagax zog an dem goldenen Draht, der sein geflochtenes Haar zusammenhielt, und sah mich an. »Ihr verlangt sehr viel von mir. Ausgerechnet jetzt nach Tria zu reiten, in einer Zeit, in der die Marituken im Norden plündern und wir ein Auge auf den Roten Drachen haben müssen. Und alles auf die vage Hoffnung hin, dass irgendein Jüngling, der sich noch nicht einmal bewährt hat, möglicherweise jener Strahlende Krieger aus den Legenden ist, von denen keiner weiß, ob sie wahr sind. Nein, nein, das ist zu viel.«

Baltasar wollte schon widersprechen, doch Maram legte ihm eine Hand auf das Knie und meldete sich an seiner Stelle zu Wort: »Lord Valashu hat sich sehr wohl bewährt. Habt Ihr nicht zugehört, was ich erzählt habe? In Argattha hat er ebenso viele getötet wie Atara. Und unter seiner Führung haben wir auch die Adirii besiegt. Erst letzten Monat hat er beim großen Turnier von Nar alle besiegt und ist Sieger des Turniers geworden.«

Sajagax nickte und starrte mich dabei unverwandt an. Braggod, ein rotgesichtiger Mann mit einem überaus langen und beeindruckenden Schnurrbart, sprach jetzt für seinen Anführer: »Sajagax hat uns in dreiunddreißig Schlachten zum Sieg geführt. Und was dieses Turnier betrifft, waren die sarnischen Krieger da gar nicht eingeladen. Welche Ehre könnte also darin liegen, dort zum Sieger ernannt zu werden?«

»Valarische Ritter sind unvergleichlich im Umgang mit Waffen«, sagte Maram und blickte auf die beiden Diamanten in seinem Ring.

»Mit dem Schwert vielleicht«, räumte Braggod ein. Er hob seinen Bogen und schüttelte ihn in Marams Richtung. »Aber nicht mit einer wahrhaft edlen Waffe.«

»Unsere Bogenschützen haben ebenfalls ihre Ziele getroffen«, widersprach Maram.

»Ihr sagt 'unsere', als wärt Ihr ein echter Valari. Aber trotz der Diamanten in Eurem Ring bleibt Ihr ein fetter Prinz aus Delu.«

Marams Gesicht lief so rot an wie das von Braggod. Er sagte: »Dieser Delianer ist Zweiter im Ringen geworden. Und Dritter im Bogenschießen.«

»Bei dem, was Ihr so Bogenschießen nennt. Auf Ziele schießen, die nicht zurückschießen, kann man wohl kaum als Herausforderung bezeichnen.«

»Und was bezeichnet Ihr dann als Herausforderung?«

»Nun, vom Rücken eines Pferdes aus aufeinander zu schießen, fetter Mann.«

Jetzt sahen Sajagax und alle anderen in unserem Kreis Maram an, der an seiner Galle fast erstickte und den ungehobelten Braggod am liebsten auf der Stelle erwürgt hätte. Ich hatte Angst, dass er wider Willen geradewegs in ein Duell hineinstolperte, und packte ihn am Arm, um ihn zu beschwichtigen. Zu Braggod und den anderen sagte ich: »Unsere valarischen Langbögen sind nicht für solche Dinge gemacht. Und so lange wir in Euren Landen sind, werden meine Krieger keine Herausforderung annehmen, bei der kurmakisches Blut fließen könnte.«

Falls ich gehofft hatte, auf diese Weise Marams und Braggods wachsende Wut zu besänftigen, hatte ich mich geirrt. Braggod erhob sich plötzlich, und die Muskeln an seinem geröteten Nacken und den Armen schwollen an wie blutgefüllte Schlangen. Er hob die Faust und reckte sie Maram entgegen. »Wir haben noch andere Herausforderungen, fetter Mann. Wieso versuchen wir nicht herauszufinden, ob Ihr nicht nur so gut darin seid, in Euer eigenes fettes Horn zu stoßen, sondern auch das Horn zu halten?«

»Was meint Ihr damit?«, fragte Maram, ebenso verwirrt wie wir.

»Es ist eine Prüfung«, erklärte Braggod. »Jeder von uns bekommt ein Horn mit Bier. Wir trinken. Die Hörner werden nachgefüllt, einmal, zweimal - so oft wie nötig. Wer das Bier bei sich behält und stehen bleibt, ist der bessere Mann.«

Marams Augen leuchteten. Braggad hätte genauso gut einen Wettkampf vorschlagen können, in dem es darum ging, wer die meisten Frauen entjungferte.

»Lasst die Hörner kommen!«, rief Maram mit einem Lächeln. Er sprang auf. »Es ist Zeit, Euer kurmakisches Bier zu probieren!«

Sajagax' Krieger schrien: »Der Kradak will gegen Braggod trinken! Macht ihm Platz, damit er fallen kann!« Sie standen auf und umringten uns, und viele meiner Ritter taten es ihnen gleich.

Die Sarni pflegten ihre langen, gebogenen Trinkhörner von den Köpfen der größten Sagosk-Bullen zu schneiden. Solche Hörner bildeten den Maßstab für den Wert eines Mannes, wie es hieß. Einige waren kürzer, andere länger, je nachdem, wie viel Bier der jeweilige Krieger vertrug. Aber die Hörner, die in solchen Wettkämpfen benutzt wurden, waren besonders lang: der Arm eines großen Mannes reichte kaum von der Spitze bis zur Öffnung.

Sajagax' Frauen brachten zwei Hörner von gleicher Länge, randvoll mit schaumigem Bier. Braggod nahm das eine, Maram das andere entgegen. Sie stellten sich einander gegenüber auf, so dass sie sich ansehen konnten. Braggod war ein wenig größer als Maram und wirkte stärker; unter seiner sonnengebräunten Haut zeichneten sich lange, geschmeidige Muskeln ab. Sein Oberkörper und die Hüften waren dick, die Beine vom jahrelangen Zusammenpressen an Pferdeflanken gewaltig. Auf ein Zeichen von Sajagax hin hoben sie beide ihr Horn, warfen den Kopf in den Nacken und tranken.

»Oh, gar nicht schlecht«, sagte Maram, leckte sich über die Lippen und rülpste. »Es ist sogar sehr gut. Ihr braut Euer Bier aus diesem gelben Getreide, diesem Rushk, nicht wahr?«

Braggod rülpste ebenfalls und leckte sich den Schaum vom herabhängenden Schnurrbart. Seine großen, blauen Augen wirkten so wässrig wie ein See.

»Nun, es ist kräftiger als meshianisches Bier, das muss ich zugeben«, fuhr Maram fort. »Wieso lassen wir die Hörner nicht nachfüllen?«

Braggod stimmte dem zu, und Sajagax' Frauen gossen erneut von der gelbbraunen Flüssigkeit in die Hörner. Die beiden erhoben sie und tranken wieder.

»Komm schon, Braggod!«, rief Yaggod. »Runter damit!«

»Runter mit ihm!«, rief ein anderer Krieger in der Nähe.

»Noch nie hat jemand mehr getrunken als Braggod.«

»Und es wird auch nie jemand tun.«

»Schon gar nicht irgendein fetter Kradak. Seht euch nur diesen Bauch an!«

Diesmal dauerte es ein bisschen länger, bis Braggod und Maram ihre Hörner geleert hatten. Als sie fertig waren, starrte Maram Braggod an, dessen Augen glasig wurden und ihre Zielrichtung verloren. Der große Krieger wirkte etwas unsicher auf den Beinen.

Wieder wurden die Hörner gefüllt, und wieder wurden sie geleert.

»Seht Ihr?«, fragte Maram und tätschelte dabei die Kugel aus Fett, die sich über seinem Gürtel wölbte. »Ein Bauch ist ein großes, gutes Ding. In Gestalt einem Erdball nicht unähnlich ... oh, der Welt selbst. Und so ist er ein Sammelbecken großer Stärke. Er zentriert einen Mann. Und was diese Herausforderung betrifft, von der Ihr gesprochen habt, so verleiht er einem Mann größere Fähigkeit, Euer gutes Bier zu genießen.«

Er begann, Verse über die Schönheit des Bauches zu rezitieren. Ich hätte nicht sagen können, ob er sie sich in diesem Augenblick ausdachte. Aber ich musste seine Strategie anerkennen: statt sofort nach dem nächsten Horn zu rufen, zog er es vor, das Bier in Braggods Bauch brodeln und seine Wirkung tun zu lassen.

»Bringt ein neues Horn herbei!«, sagte Tringax schließlich. »Noch nie hat jemand ein viertes Horn getrunken!«

Jetzt schwankten sowohl Maram als auch Braggod hin und her und verlagerten ständig das Gewicht, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Frisch gefüllte Hörner wurden ihnen in die Hand gedrückt. Und es begann von neuem.

»Runter, runter, kipp es herunter!«, riefen die sarnischen Krieger. Und meine valarischen Ritter standen bei ihnen, nahmen den Ruf auf: »Runter, runter, oder geh unter!«

Maram und Braggod standen da, reckten einander die Hörner entgegen und beäugten sich, während sie tranken. Irgendwie gelang es beiden - ganz zum Erstaunen von Yaggod und Urtukar und anderen Experten in diesen Wettkämpfen - ihr Horn bis zum letzten Tropfen zu leeren. Als sie die Hörner senkten, schien beiden übel zu sein, als stünden sie auf einem rutschigen Fels über einer Klippe und blickten nach unten.

»Oh, das war sehr gut!«, sagte Maram mit einem Rülpser. »Ein sehr, sehr Gebräu. Oh, ich meine, ein sehr gutes Gebräu. Sehr gut, in der Tat.«

Er begann, sich weitschweifig darüber auszulassen, dass er Geschmack am kurmakischen Bier gefunden hatte, und beobachtete dabei die ganze Zeit Braggod. Der große Hauptmann fing jetzt an zu taumeln, er torkelte vorwärts und fing sich wieder, versuchte verzweifelt, sich aufrecht hinzustellen, ehe er wieder stolperte.

»Oh, du hast wohl genug, Braggod, mein Saufkumpan?« Maram trat einen Schritt auf ihn zu. Er ließ seinen Blick über die zusehenden Krieger schweifen. »Ich fürchte, er steht kurz davor umzufallen. Darf ich ihm helfen?«

»Nein, es ist Euch nicht erlaubt, Hand an ihn zu legen«, erklärte Sajagax ihm. »Das wäre Ringen.«

Maram rülpste erneut. »Ich darf nicht Hand an ihn legen, sagt Ihr. Nun, dann werde ich es auch nicht tun. Aber er muss nun mal zu Boden gehen.«

Maram machte noch einen weiteren Schritt auf Braggod zu, der die Augen verdrehte. Plötzlich stieß Maram einen gewaltigen Rülpser aus. Die Wucht seines Atems schien Braggod noch mehr ins Taumeln zu bringen. »Runter, runter, geh endlich unter«, rief Maram. Dann drückte er seinen Bauch in Braggods Richtung, stieß ihn leicht an. Es genügte gerade, um Braggod zum Schwanken zu bringen, so dass er jetzt vollends das Gleichgewicht verlor. Mit wedelnden Armen brach er schließlich zusammen und stürzte auf seine Kissen. Alle Anwesenden brachen in lautes Lachen aus und jubelten angesichts der dargebotenen Unterhaltung.

»Runter, runter, auf den Teppich runter!«, grölte Maram weiter. Er stand wedelnd über Braggod und lächelte ihn an. »Nun, mein guter Mann, ich glaube, du hattest genug. Wie schade. Aber es ist noch nicht genug für Maram Marshayk. Bringt noch etwas von eurem besten Bier! Füllt mein Horn! Macht eure Augen auf und seht, wie ein valarischer Ritter und ein Prinz von Delu trinkt. Passt gut auf!«

Wieder goss eine von Sajagax' jungen Frauen dunkles Bier in Marams Horn. Diesmal brauchte Maram sehr viel länger, um das Horn zu leeren, aber er schaffte es. Die stolzen sarnischen Krieger standen verblüfft über diese Leistung daneben; sie stießen ihre Bögen mit einem furchterregenden Klacken aneinander. Niemals hatten sie von einem Mann gehört, der fünf Hörner Bier hatte trinken können. Und so rief Tringax: »Ein fünfhörniger Mann! Maram von den fünf Hörnern!«

»Fünf Hörner?«, meinte Maram. »Wieso nicht sechs? Ja, der Klang gefällt mir wesentlich besser. 'Sechshörniger Maram'!«

Und damit streckte er sein Horn noch einmal aus. Doch als Sajagax' Frau kam, um es nachzufüllen, verzog Maram vor Übelkeit das Gesicht, schüttelte den Kopf und besann sich eines Besseren. »Oh, genug, genug - ich glaube, ich hatte wirklich genug.« Und unter dem Jubel von Hunderten von Kriegern, schwarzhaarigen wie blonden, fiel er ebenfalls rücklings auf sein Kissen.

Braggod lag mit geschlossenen Augen da und stöhnte, als wäre er von einer Axt gefällt worden, aber Maram war noch immer bei Verstand - und er hatte seinen Stolz. Als alle ihn anstarrten, lächelte er Sajagax an. »Seht Ihr? Seht Ihr, großer Anführer? Und Ihr habt uns Delianer für schwach gehalten!«

Niemand durfte Sajagax auf solche Weise herausfordern und erwarten, dass er den Mund hielt. Der kurmakische Anführer nickte Maram also zu. »Euer Bauch ist nicht schwach, das gebe ich zu. Und Euer Mund auch nicht. Wenn Ihr nicht so betrunken wärt, könnten wir die Kraft Eurer Arme ebenso auf die Probe stellen.«

»Meine Arme sind so stark wie die eines jeden Sarni.«

»Glaubt Ihr das wirklich, fetter Mann?«

»So stark wie Eure, alter Mann.«

Ärger flackerte kurz in Sajagax' Augen auf. »Beweist es«, sagte er dann.

»Gern. Wie?«

Als Antwort stand Sajagax auf und stützte sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Bogen, während er die Sehne einhängte. Er reichte ihn Maram und setzte sich hin. »Wir werden sehen, ob Ihr ihn spannen könnt.«

Obwohl Maram nicht gewöhnt war, einen Bogen im Sitzen zu handhaben, hielt er ihn mit steifem, ausgestrecktem Arm von sich weg. Er grunzte und stöhnte und wandte sämtliche Kraft seiner Arme und seines Rückens auf, um die Sehne bis an sein Ohr zu ziehen. Dann, einen Augenblick später, ließ er wieder los und rief: »So!«

Yaggod und Urtukar nickten angesichts dieser Leistung, ebenso wie Tringax. »Ihr seid stärker, als man denken würde, das muss ich Euch lassen«, sagte Sajagax zu Maram. »Das war mehr, als die meisten meiner Krieger zustande bringen. Aber es ist nicht das, was wir meinen, wenn wir davon sprechen, einen Bogen zu spannen.«

»Was meint Ihr dann?«

Sajagax reichte ihm einen mit Rabenfedern befiederten Pfeil - einen der schweren, die dazu gedacht waren, Rüstungen zu durchschlagen. »Den müsst Ihr mindestens fünf Schläge lang gespannt halten.«

»Nur fünf? Wieso sollte der Fünfhörnige Maram es darunter tun?«

Und damit legte er den Pfeil an die Sehne und zog sie bis an die Seite seines Kopfes zurück. Sajagax versuchte, nicht mit der Wimper zu zucken, als Maram an seinem Kopf vorbei auf das Dach des Zeltes zielte.

»Eins!«, rief Sajagax.

Maram grunzte und schien ein Rülpsen zu unterdrücken. Mit äußerster Konzentration hielt er den Pfeil zwischen seinen schwitzenden Fingern.

»Zwei!«, riefen jetzt über hundert Stimmen gemeinsam.

Schweißperlen rannen Maram über das Gesicht, und er keuchte. Seine Arme begannen vor Anstrengung zu zittern.

»Drei!«

»Seht ihn euch an!«, rief ein Krieger. »Der Fünfhörnige Maram wird es schaffen!«

»Vier!«

Aber noch während alle im Zelt, auch ich, diese Zahl riefen, krümmte sich Marams Arm, und die Bogensehne entglitt seinen Fingern. Mit einem lauten Krachen schickte sie den Pfeil pfeifend durch die Luft. Ein Dutzend Krieger zogen die Köpfe ein. Und dreihundert andere sahen nach oben, musterten das saubere Loch, das der Pfeil in den Seidenstoff von Sajagax' Zelt gerissen hatte.

Als Sajagax' drei Frauen sahen, welchen Schaden Maram angerichtet hatte, schraken sie zusammen und sahen den Anführer der Sarni an. Auch alle anderen taten das. Das Gesicht des großen Anführers wurde so rot wie die Marudsonne. Seine Augen hefteten sich auf das Loch, als wären sie selbst Pfeile. Nicht einmal Yaggod und Tringax wagten etwas zu sagen.

Und dann brach Sajagax in wildes Gelächter aus, als würde der Himmel bei einem Sturm aufreißen. Er warf den Kopf in den Nacken und schlug Maram auf die Schulter, und lachte die ganze Zeit über schallend. Wir alle lachten mit ihm. Schließlich wischte Sajagax sich die Tränen aus den Augen und nahm seinen Bogen wieder entgegen.

»Nun, Sar Maram«, meinte er, »das war besser, als wir alle erwartet hätten. Niemand von den Kurmaken wird Eure Kraft jemals wieder in Frage stellen.«

Maram blinzelte nach oben, sah hinauf zu den Sternen, die durch das Loch sichtbar wurden. Er rülpste. »Das mit Eurem Zelt tut mir Leid, Sajagax.«

»Ist schon in Ordnung - es wurde ohnehin allmählich stickig hier drin, und wir alle können ein bisschen frische Luft ganz gut vertragen.«

Ich nahm einen Schluck Wein, froh darüber, dass ich Traubensaft trinken durfte statt Bier.

»Hier, Lord Valashu!«, sagte Sajagax und lächelte mich an, während er mir den Bogen entgegenstreckte. »Lasst uns sehen, ob Ihr ihn spannen könnt.«