Leseprobe zu Meister Juwain

Aus: Das Valashu-Epos; Band 1: Der magische Stein

Keyn saß da und trank sein dunkles Bier, das er sich von den Bediensteten von Herzog Rezu heiß servieren ließ, wie Kaffee. Er war schwer zu durchschauen, und sein Anblick war noch schwerer zu ertragen. Hinter dem Leuchten seiner schwarzen Augen lag eine bohrende Schärfe, und man hätte ihn fast als ein bisschen zu schön bezeichnen können, wären nicht die schroffen senkrechten Linien seiner ständig gefurchten Stirn gewesen. Eine Kristallseherin, so heißt es, kann mit Hilfe ihrer Kristallkugel einen Blick in die Zukunft werfen. Es war etwas Altersloses und Gequältes an ihm, als könnte er weit in die Vergangenheit blicken und sich all ihrer Schmerzen entsinnen, als wären es seine eigenen. Ich fragte mich, ob er wie Thaman seine Familie durch die Raubzüge des Roten Drachen verloren hatte. Wie sonst hätte man die Liebe und den Hass erklären sollen, die jedes Mal aus ihm herauszubrechen drohten, wenn der Name Morjins fiel?

»Nun«, sagte er, »Kalkamesh und Telemesh - und auch Sartan - haben Morjin die Stirn geboten. Und sie haben die Welt erschüttert, nicht wahr? Ich würde sagen, sie bebt immer noch.«

Wir stimmten alle überein, dass es so war, und wir dankten Yashku dafür, dass er das Gedicht vorgetragen hatte. Dann wandte Maram sich an Meister Juwain. »Was ist nach seiner Flucht aus Argattha mit Kalkamesh geschehen?«

»Es heißt, er wäre im Krieg der Steine umgekommen.«

Thaman wandte sich an Keyn und betrachtete ihn kühl. »Und was ist mit Sartan Odinan passiert? Er hat den Lichtstein möglichweise weggezaubert, aber wohin? Das sagt uns dieses Lied nicht.«

»Nein«, stimmte Keyn ihm zu. »Das tut es nicht.«

»Dann ist Sartan bei dem Fluchtversuch sicherlich ebenfalls umgekommen. Bestimmt liegt der Lichtstein zusammen mit seinen Gebeinen irgendwo in der Einöde von Sakai oder in der Roten Wüste.«

»Nein«, sagte Keyn und schüttelte seinen großen Kopf. »Wenn Sartan stark und gerissen genug war, in Argattha einzudringen, dann war er sicher auch in der Lage, unversehrt zu entkommen.«

»Wieso hören wir dann nichts davon, weder in diesem noch den anderen Epen?«, fragte Thaman.

Keyn schwieg und nahm einen Schluck von seinem heißen Bier. Dann schaltete sich Meister Juwain ein. »Aber einige der Gedichte sagen sehr wohl etwas darüber.«

Wir alle wandten uns ihm überrascht zu. Es war das erste Mal seit unserem Aufbruch von Silvassu, dass er sich zum Schicksal des Lichtsteins äußerte.

»Da wäre das Lied von Madhar«, sagte er. »Und die Ballade von Alanu. Das Lied berichtet, wie Sartan den Lichtstein zu den Inseln von Elyssu brachte und zu Beginn des Zeitalters des Drachen das Königreich des Lichts gründete. Die Ballade erzählt, dass er den Lichtstein in einer Burg hoch oben im Sichelgebirge versteckte und seine Geheimnisse studierte. Es heißt, dass auch Sartan Unsterblichkeit erlangte, und dass er den Lichtstein benutzte, um einen geheimen Orden zu gründen, dessen Meister seit Jahrtausenden auf Ea herumgereist sind und sich dem Lord der Lügen entgegengestellt haben. Und es gibt noch mehr Legenden, viel zu viele, um sie alle zu erwähnen.«

»Und warum werden diese Lieder dann nicht in Surrapam gesungen?«, fragte Thaman. Er blickte sich um, betrachtete unsere neugierigen Gesichter. »Wieso werden diese Legenden nicht weitergegeben?«

Meister Juwain rieb sich mit der knorrigen Hand den kahlen Schädel. Trotz seines hässlichen Aussehens strahlte er etwas zutiefst Achtunggebietendes aus. Besonders Maram blickte ihn voller Stolz an.

»Könnt Ihr Texte in altem Ardik lesen?«, fragte er Thaman. »Kann das irgendjemand von Euren Landsleuten?«

»Nein - wir haben für so etwas keine Zeit mehr.«

»Richtig«, pflichtete ihm Meister Juwain bei. »Es ist über dreihundert Jahre her, seit Euer König Donatan die letzte Schule der Bruderschaft im Westen geschlossen hat, nicht wahr?«

Thaman nahm einen Schluck Bier und verzog beschämt das Gesicht. Es missfiel ihm ganz offensichtlich, dass Meister Juwain so viel über sein Land wusste. Ich lächelte ebenso stolz wie Maram, denn Meister Juwain wusste fast über alles mehr als jeder andere Mensch, dem ich begegnet war.

»Ich kann altes Ardik lesen«, verkündete plötzlich Herzog Rezu zum Erstaunen aller Anwesenden. »Aber auch ich habe noch nie von diesen Legenden gehört.«

Es war ein Sieg der Ignoranz, dachte ich, dass einige valarische Königreiche aufgehört hatten, ihre Söhne und Töchter in die Schulen der Bruderschaft zu schicken. Doch trotz der vielen Probleme, die Anjo hatte, gehörte dieses Land nicht dazu.

»Wenn Ihr möchtet«, meinte Meister Juwain zum Herzog, »kann ich Euch später ein paar Bücher mit den Legenden des Lichtsteins zeigen; ich habe welche mitgebracht.«

»Oh, ja, das wäre sehr nett«, antwortete Herzog Rezu.

»Bücher, Legenden«, stieß Thaman hervor. »Wir brauchen keine Worte, sondern Männer mit starken Armen und scharfen Schwertern.«

Meister Juwain zog plötzlich die buschigen Augenbrauen zusammen, während er mit seinem knorrigen Finger auf meine Seite deutete. »Starke Arme und scharfe Schwerter haben wir im Morgengebirge in Hülle und Fülle. Aber ohne das Wissen, wie sie einzusetzen sind, sind sie mehr als nutzlos.«

»Dann nutzt sie gegen Morjin.«

»Der Lord der Lügen«, sagte Meister Juwain, »wird sich niemals nur mit Waffen besiegen lassen.«

»Dann glaubt Ihr also, ihn besiegen zu können, indem Ihr diesen goldenen Becher findet, von dem Eure Legenden erzählen?«

»Besiegt Wissen die Ignoranz? Besiegt die Wahrheit die Lüge?«

»Aber nicht alle Legenden in Eurem Buch können wahr sein«, sagte Thaman.

»Nein«, räumte Meister Juwain ein. »Aber eine von ihnen ist es vielleicht. Es wird darauf ankommen, die richtige zu finden.«

»Aber was ist, wenn der Lichtstein zerstört wurde?«

»Der Lichtstein wurde vom Sternenvolk aus dem goldenen Gelstei erschaffen. Er ist unzerstörbar«, entgegnete Meister Juwain.

»Nun, was ist also, wenn er für immer verloren ist?«

»Wie können wir das wissen?«, fragte Meister Juwain. »Dass er für immer verloren ist, können wir erst sagen, wenn wir aufhören, ihn zu suchen und ihn für verloren erklären.«

Nach diesem Schlagabtausch gab Thaman schließlich auf und widmete sich wieder seinem Bier. Er nahm einen kräftigen Schluck. »Wie denkt Ihr darüber, Sar Keyn?«, fragte er dann.

»Bitte einfach nur Keyn«, sagte der Angesprochene etwas schroff. »Ich bin kein Ritter.«

»Schön, aber wird der Lichtstein jemals gefunden werden?«, beharrte Thaman.

In Keyns Augen loderte es hell auf, und ich musste unwillkürlich an Blitze denken, die in einer heißen Sommernacht über den Himmel zuckten. »Der Lichtstein muss gefunden werden«, erwiderte er. »Sonst wird der Rote Drache niemals besiegt.«

»Aber wie kann er denn besiegt werden?«, drängte Thaman weiter. »Durch Wissen oder durch das Schwert?«

»Wissen ist gefährlich«, erklärte Keyn mit einem grimmigen Lächeln. »Schwerter sind es auch. Wer besitzt die Weisheit, das eine oder das andere zu benutzen?«

»Es gibt durchaus noch Weisheit in der Welt«, meinte Meister Juwain hartnäckig. »Und es gibt noch viel Wissen für jene, die aufgeschlossen sind.«

»Ich sage, es ist gefährlich«, wiederholte Keyn. Er blickte Meister Juwain an. »Vor langer Zeit hat Morjin seinen Geist dem Wissen geöffnet, das der Lichstein gewährt, und auf diese Weise Unsterblichkeit erlangt, wie es heißt. Wer auf Ea hat also aus diesem kostbaren Wissen Nutzen gezogen?«

Während Herzog Rezus Bedienstete kamen, um neue Krüge mit Bier zu bringen, nippte Meister Juwain weiter an dem Tee, den er bestellt hatte. Er sah Keyn mit seinen großen, grauen Augen an, während er offensichtlich über eine Antwort nachsann.

»Der Lord der Lügen ist der Lord der Lügen«, sagte er schließlich. »Wenn er wirklich der gleiche Tyrann ist, der Kalkamesh vor so langer Zeit gekreuzigt hat, verspottet er die Unsterblichkeit, die das Vorrecht von Elijin und Galadin ist.«

Als Meister Juwain die Namen der Engelsorden erwähnte, wurden Keyns Augen so leer wie der schwarze Raum zwischen den Sternen. Mir war, als würde ich in sie hineinstürzen, als fiele ich in ein bodenloses, schwarzes Loch.

»Dann sucht Ihr also letztendlich das Wissen der Engel, nicht wahr?«, fragte Keyn schließlich, und es schien, als durchbohre er Meister Juwain mit Blicken.

»Hat uns nicht das Eine erschaffen, um es zu suchen?«

»Woher soll ich das wissen, verflucht«, knurrte Keyn.

Wir waren alle verblüfft, dass er sich so ereiferte, und Meister Juwains Stimme wurde weicher, als er jetzt antwortete. »Wissen bedeutet Macht. Die Macht, mehr zu sein als Tiere, mehr zu sein Männer des Schwertes. Und die Macht, in der Welt Gutes tun zu können.«

»Das behauptet Ihr«, sagte Keyn. »Sucht Ihr deshalb den Lichtstein?«

Meister Juwain zwang sich zu einem Lächeln; er sah Keyn mit all der Freundlichkeit an, die er aufbringen konnte. »Es heißt, der Lichtstein verhilft jenem, der von seinem goldenen Licht trinkt, zu unendlichem Wissen.«

»Ist das wirklich so?«, fragte Keyn. Seine Zähne wurden wieder sichtbar, als er erneut grimmig lächelte. »Lautet nicht die wahre Prophezeiung, dass der Lichtstein das Wissen über das Unendliche bringen wird?«

Einen Augenblick dachte ich, Meister Juwains verwirrter Blick sei ein Hinweis darauf, dass er gerade diese Stelle falsch in Erinnerung hatte. Doch dann zog er mit einer langsamen, gemessenen Bewegung eine kleine Ausgabe der Saganom Elu aus der Tasche seines Gewandes und begann die abgegriffenen Seiten durchzublättern.

»Aha«, sagte er schließlich. Aus einer anderen Tasche holte er ein Vergrößerungsglas hervor, das er über die Seiten des aufgeschlagenen Buchs hielt. »Hier steht es, in der siebenundsiebzigsten Trianischen Prophezeiung. Und auch in den Visionen, Kapitel fünf, Strophe fünfundvierzig. Und wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, findet Ihr es auch im Buch der Sterne geschrieben. Möchtet Ihr es sehen?«

»Nein«, erklärte Keyn. »Ich bemühe mich, solche Bücher möglichst nicht zu lesen.«

Keyn hätte ihm genauso gut sagen können, dass er sich bemühte, nicht den Duft der Blumen zu riechen oder sich nicht am Licht der Sonne zu erfreuen. Es war eines der wenigen Male, dass ich Zeuge wurde, wie Meister Juwain sich dazu hinreißen ließ, einen Gegner zu demütigen. Er blickte Keyn geradewegs in die reglosen Augen und sagte: »Es hat den Anschein, als ob Ihr Euch irrt, nicht wahr?«

»So scheint es«, sagte Keyn. Obwohl seine Worte zustimmend klangen, deutete nichts in seiner angespannten Haltung darauf hin, dass er nachgab.

Der Herzog war an Auseinandersetzungen gewöhnt, aber nicht in seiner eigenen Halle. Nachdem er seinen Becher erhoben und einen Trinkspruch auf den Mut von Telemesh und Kalkamesh ausgebracht hatte, nickte er Keyn zu. »Ich denke, wir alle stimmen zumindest darin überein, dass wir uns Morjin mit allen Mitteln entgegenstellen sollten.«

»Dem pflichte ich gerne bei«, sagte Keyn. »Ich werde mich Morjin entgegenstellen, auch wenn es bedeutet, dass ich persönlich den Lichtstein suche. Und wenn ich ihn finde, können die Bruderschaften ihm meinetwegen so viel Wissen entnehmen, wie sie wollen.«

Es war großmütig von ihm, so etwas zu sagen, und seine Worte wärmten Meister Juwains Herz. Meines jedoch nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich Keyn nicht mehr trauen konnte als einem Tiger, der eben noch leise schnurrte und mich im nächsten Augenblick mit hungrigen Augen anstarrte.

»Wie es sich fügt, habe ich selbst in Tria zu tun«, erklärte er Meister Juwain. »Wenn Ihr einverstanden seid, begleite ich Euch dorthin.«

Meister Juwain nippte an seinem Tee und nickte langsam. Ich spürte, dass er sich auf die Gelegenheit freute, sein Streitgespräch mit Keyn fortsetzen zu können. »Ich würde mich geehrt fühlen«, sagte er. »Aber die Entscheidung liegt nicht bei mir allein. Was haltet Ihr davon, Bruder Maram?«

Maram, der ganz damit beschäftigt war, Chaitra schmachtend anzusehen, riss seinen Blick von der hübschen jungen Frau los und schaute Meister Juwain an. Er war mehr als nur ein bisschen betrunken und meinte: »Wie? Was ich davon halte? Ich finde, dass selbst vier Männer noch zu wenig sind, um sich den Gefahren zu stellen, die vor uns liegen, und dass ich gar nicht darüber nachdenken will. Je mehr, desto besser!«

Mit diesen Worten wandte er sich wieder zu Herzog Rezus verwitweter Nichte um und schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln.

Meister Juwain lächelte ebenfalls, doch es war ein zorniges Lächeln. Es schien unmöglich zu sein, Maram zu bändigen. Dann richtete er den Blick auf mich. »Was ist mit Euch, Val?«

Ich wandte mich an Keyn, der mich unverwandt anstarrte. Es schmerzte, ihn lange anzusehen, und so blickte ich stattdessen auf den Dolch, den er noch immer in seinen riesigen Händen hielt. »Was für ein Anliegen führt Euch nach Tria?«, fragte ich.

»Mein Anliegen ist ganz allein meine Sache«, knurrte er mich an. »Und Euer Anliegen, so scheint es, besteht darin, Tria zu erreichen, ohne vorher getötet zu werden. Ich hätte gedacht, Ihr würdet die Möglichkeit begrüßen, Eure Chancen dabei zu verbessern.«

Dem war auch eigentlich so, aber sollte das etwa bedeuten, dass ich diesen Fremden als Begleiter akzeptieren musste? Ich betrachtete das Schwert an seiner Seite; es sah aus wie ein Kalama. Ich war sicher, dass wir alle seine scharfe Klinge begrüßen würden, sollten wir den unbekannten Gefahren gegenüberstehen, vor denen Maram so viel Angst hatte. Aber eine Klinge konnte man in zwei Richtungen führen, wie mein Großvater immer zu sagen pflegte.

»Wir haben es bis hierher allein geschafft«, sagte ich zu Keyn. »Vielleicht ist es das Beste, wenn wir weiterhin so verbleiben.«

»Dann wollt Ihr es also Morjins Männern leicht machen, wenn sie Euch in den Wäldern von Alonia stellen, wie?«, fragte Keyn.

Ich fragte mich, wie Keyn ahnen konnte, dass ich möglicherweise von Morjin verfolgt wurde? Hatte Maram in seinem angetrunkenen Zustand Hinweise ausposaunt, die Keyn zu einem Ganzen zusammengesetzt hatte? War die Geschichte, wie Raldu mich beinahe ermordet hätte, bereits vor uns in dieses kleine Herzogtum gelangt?

»Es gibt keinen Grund für den Lord der Lügen, uns nachzustellen«, gab ich zurück.

»Ach nein? Ihr seid ein Prinz von Mesh - König Shameshs siebter Sohn. Glaubt Ihr, Morjin braucht noch mehr Gründe, um Euren Tod zu wünschen?«

Keyn sprach Morjins Namen mit so viel Hass aus, dass, wären seine Worte aus Stahl gewesen, der Lord der Lügen bereits tot umgefallen wäre. Die Sehnen seines Halses traten hervor, als er die Kiefermuskeln anspannte, und ich zweifelte nicht daran, dass er ein erbitterter Feind Morjins war. Doch der Feind meines Feindes musste nicht zwangsläufig mein Freund sein, wie mein Vater gern betonte.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte ich zu ihm. »Aber vielleicht findet Ihr ja andere Begleiter.«

»Andere Begleiter, sagt Ihr? Etwa die Gesetzlosen, die jenseits von Anjo die Wälder in Beschlag genommen haben? Oder die Bären, die den Urwald dahinter heimsuchen?«

Als der Name der Tiere fiel, die Maram am wenigsten schätzte, unterbrach mein verliebter Freund plötzlich die Tändelei mit Chaitra und sagte: »Oh, Val, vielleicht sollten wir doch noch einmal darüber nachdenken, diesen Mann mitzunehmen. Um ihn, äh, vor den Bären zu beschützen.«

Keyn richtete erneut den Blick seiner schwarzen Augen auf mich und wartete ab, was ich sagen würde. Diese Augen waren wie gewaltige Felsen, die er dazu benutzte, den Willen anderer zu brechen.

»Nein«, sagte ich und bemühte mich, ruhig weiterzuatmen. »Die Bären werden ihn in Ruhe lassen, wenn er sie in Ruhe lässt. Sicher kennt er sich im Wald gut genug aus, um ihnen aus dem Weg zu gehen.«

Weder Meister Juwain noch Maram waren mit meiner Entscheidung einverstanden, aber sie kannten mich gut genug, um zu wissen, dass es keinen Sinn hatte, mich überreden zu wollen. Meister Juwain lächelte Keyn zu. »Es tut mir Leid; aber vielleicht können wir uns in Tria treffen und unsere Unterhaltung über die Prophezeiungen dort fortsetzen.«

»Gut denn«, knurrte Keyn. Er antwortete nicht auf Meister Juwains Bemerkung, sondern starrte weiterhin mich an. »Ihr besteht also darauf, diese Reise allein zu machen, ja?«

»Ja«, erklärte ich, während ich versuchte, dem Blick seiner funkelnden Augen standzuhalten.

»So sei es also«, sagte er mit der gleichen Endgültigkeit, mit der ein König ein Todesurteil verkündete.

Danach versuchte Herzog Rezu die Unterhaltung auf die Legenden um den Lichtstein zurückzuführen. Doch die gute Stimmung war dahin. Da es inzwischen sehr spät geworden war, entschuldigte Yashku sich und ging zu Bett, kurz darauf folgte ihm Helenya, die über ihre schmerzenden Gelenke und ihre Schlaflosigkeit klagte. Maram wäre natürlich am liebsten die ganze Nacht aufgeblieben und hätte Chaitra angeschmachtet, hätte sie ihm nicht plötzlich zugeblinzelt und verkündet, dass sie noch eine unvollendete Stickerei beenden müsste. Was mich betraf, so schmerzte die Wunde an meiner Seite beinahe ebenso sehr, wie mich Keyns Seelenqualen verwunderten. Ich fragte mich, wer dieser Mann war, dessen Augen aussahen, als wären sie in irgendeinem Höllenofen aus schwarzem Eisen geschmiedet worden, das von den Sternen herabgefallen war. Woher kam er? Wohin wollte er wirklich? Während wir alle die Stühle zurückschoben und uns vom Tisch erhoben, dachte ich darüber nach, dass ich wohl niemals Antworten auf diese Fragen erhalten würde. Denn am nächsten Morgen gleich nach Tagesanbruch würden Meister Juwain und Maram gemeinsam mit mir die Pferde satteln, und wir würden uns allein auf den Weg nach Tria machen.