Zu Band 1

Ich liebe Fantasy auf eine Weise, wie ich es bei der Science Fiction nicht tue. Das heißt nicht, dass ich sie mehr lieben würde, wie ja auch ein Vater sich nicht dem einen Kind mehr widmet als einem anderen, aber da ist etwas an der Fantasy, das verzaubert mich, wie es kein anderes Schreiben vermag. Es heißt gewöhnlich, dass die Science Fiction eine Literatur der Ideen wäre, während die Fantasy von Mythen und Magie handele. Dies entspricht nur bedingt der Wahrheit. Wenn wir ins Innere der materiellen Welt vordringen, finden wir dort ein so tiefgreifendes Mysterium, dass wir schon aus Stein sein müssten, um nicht zu spüren, dass Materie aus etwas Magischem besteht. Die Science Fiction erforscht das Wesen – das Herz - dieses Mysteriums anhand von Konzepten und Ideen, die sich hauptsächlich in einem wissenschaftlichen Kontext entfalten. Genauso ist es bei der Fantasy, nur wendet sie den Blick eher nach innen. Es ist nicht so, dass die Fantasy keine eigenen Ideen zu bieten hätte, denn sie kann gar nicht anders. Allerdings entfalten sich die Ideen und Konzepte der Fantasy in einem Fantasy-Kontext.

Die höheren Daseinsformen meiner Fantasy-Welt sehen zum Beispiel anders aus und fühlen sich anders an als die meiner Far-Future-Universums in Neverness. Sowohl beim Schreiben wie auch in meinem Leben faszinieren mich zwei grundlegende Ideen: Die Evolution und das Göttliche. Manchmal sehe ich mein ganzes Schaffen als den Versuch, ihre Beziehung zueinander zu ergründen.

In meinem Ea-Universum befeuert der Drang zur Entwicklung jede einzelne Faser des Kosmos. Auf vielen erdähnlichen Welten überall in Eluru sind Menschen aus dem Stoff jener Welten hervorgetreten. Es sind kriegerische Männer (und oftmals auch Frauen), eigentlich Urmenschen, die ich als Ardun bezeichne. Sie bemühen sich, die höchste Technologie ihres Universums herzustellen und zu benutzen: die "magischen" Kristalle, die als Gelstei bekannt sind. Haben sie einmal die Herrschaft über die Kristei und das Silustria errungen, über die Feuersteine und die Schwarze Jade und all die anderen – und, wichtiger noch, haben sie angefangen, die Herrschaft über sich selbst zu erlangen – erwerben sie die Macht, zwischen den Sternen zu wandeln. Und so werden sie zu Valari. Weitere Schulungen des Geistes, des Körpers und der Seele erheben die Valari in den Grad der Elijin: alterslose Wesen, die keines natürlichen Todes sterben können, die man aber dennoch töten kann. Die am weitesten entwickelten Elijin wiederum werden zu Galadin, die, wenn sie in ihrer Selbstvervollkommnung weit genug vorangeschritten sind, auch nicht mehr getötet werden können. Sie haben dann eine Meisterschaft über die materielle Wirklichkeit erlangt, die für die unwissenden Ardun wie Magie wirkt. Sie wandeln als Götter über die Himmelsgewölbe.

 In The Broken God, das so reine Science Fiction ist, wie ich sie nur schreiben kann, erläutere ich ausführlich die Ausbildung von Danlo wi Soli Ringess: wie er Sprachen und Mathematik lernt und die Wahrnehmung der kybernetischen Prozesse. Und wie dann weiter meditative und mystische Übungen es ihm ermöglichen, zu einer außerordentlichen Macht zu gelangen. Ich beschreibe die Mechanismen seiner eigenen Evolution. In meinen Fantasy-Romanen wirkt es auf mich stimmiger, wenn ich die Leute einfach in ihren Handlungen zeige, ohne genau zu erklären, wie ein Ardun erst zu einem Valari wird, dann zu einem Elijin und schließlich zu einem Galadin. In den Fantasy-Romanen geht es mir mehr um die Magie daran.

Ich mag an der Fantasy auch die Unmittelbarkeit, die ich zuvor erwähnt habe, die Direktheit, die mit einer eher natürlicheren Welt einhergeht. Denken Sie an die Dinge, die zu unserer Welt gehören: Telefon; Schmerzmittel beim Zahnarzt; Webcam-Girls; verbriefte Bankeinlagen; Taschenbücher; Drive-Through-Imbisse; Toilettenspülung. All das ist nicht nur selbstverständlich und daher langweilig zu lesen, sondern es macht die Welt auf die ein oder andere Weise abstrakter erfahrbar, es dämpft gewisse grundlegende Erfahrungen, was dazu führt, dass die Wirklichkeit weniger echt wird. In der Zukunft, wo gewöhnlich Science-Fiction-Geschichten angesiedelt werden, wird es sogar noch schlimmer, denn dort gibt es stattdessen: »Telepathie« durch implantierte Neuronenchips; verfallsresistente, bio-engineerte Gebisse; die Dildonics des Cyper-Sex; elektronisches Geld: eBooks; Nahrungssynthese; virtuelle Körper, die nichts mehr ausscheiden müssen. Zu oft verliere ich mich beim Lesen solcher Geschichten in virtuellen Welten, die sich Übelkeit erregend unecht anfühlen. 

Fantasy, das per definitionem am wenigsten realistische Literaturgenre, wirkt paradoxerweise so, dass sich unser Gefühl für die Welt verstärkt. Dies ist einer der Gründe, weshalb sie gewöhnlich von einem Technologielevel ausgeht, das sich bestenfalls mittelalterlich anfühlt. Ein Held, der sich auf einer Fantasy-Erde aufhält, wird daher Folgendes vorfinden: Briefe, die mit Brieftauben zugestellt werden (oder Eulen); Zangen, mit denen man in Buden am Straßenrand faulige Zähne zieht; Huren in bunten Seidengewändern; Lederbörsen voller klirrender Goldmünzen; Rollen aus schimmligem Pergament; den Metzgerladen, in dem die ausgestellten Lammhaxen von summenden Fliegen umschwärmt werden; Töpfe mit Pisse und dampfendem Kot, die aus Fenstern aufs Kopfsteinpflaster geleert werden. 

Mit großer Kraft fordert die Fantasy nicht nur die Sinne, sondern berührt auch etwas Tiefliegendes in unserer Seele. Wir, die wir sie schreiben, müssen keine ausgefeilten Erklärungen bezüglich der Technologie und Kultur ausarbeiten, und wir müssen auch keine schwer verständlichen wissenschaftlichen Ideen mit den Figuren, dem Thema und dem Plot verweben. Dies lässt uns die Freiheit, uns ganz auf die Geschichte konzentrieren zu können. Von aller Fiktion kommt die Fantasy dem reinen Geschichtenerzählen am nächsten. In gewisser Weise hauchen die Mythen, denen sie entspringt, all den vielfältigen Geschichten, die wir kennen, Leben ein. Ich stelle sie mir oft als die Ur-Geschichte der menschlichen Art vor.

Und diese Ur-Geschichte spielt sich in der Fantasy häufig als eine Form der Queste ab. Wie auch nicht, wo doch die grundlegende Geschichte unserer Art selbst die Queste beinhaltet, wie die Götter zu werden? Wir Menschen sind immer auf der Suche nach mehr, sei es nun ein Ring der Macht, ein Elixier, das Unsterblichkeit verleiht oder der Heilige Gral.

Bei dem Lichtstein, diesem Becher aus goldenem Gelstei, den einst ein Sternenwandler der Valari nach Ea gebracht hat, handelt es sich natürlich um den Gral, der nur einen anderen Namen trägt. In Der magische Stein beteiligt sich Valashu Elahad an einer großen Queste, um ihn wiederzuerlangen. Er, der Sohn von Königen, der aus einem Volk stammt, das seine Schwerter als seine Seelen verehrt, wird während dieser Reise viele Schlachten schlagen müssen. Er muss ein Meister des Krieges werden. Er findet sein Schicksal, indem er viele mit seinem langen, silbernen Schwert tötet.

Ich habe den Krieg immer verabscheut, und ich wollte es dem armen Valashu so schwer wie möglich machen. Und so habe ich ihn mit einer Liebe zur Dichtkunst und zum Frieden ausgestattet. Darüber hinaus habe ich ihm die Gabe des Valarda mitgegeben. Dieses uralte Wort bedeutet "Herz der Sterne". Alle Menschen stammen, wie die Valari, von demselben Heim zwischen den Sternen; wir alle bestehen aus dem Feuer der Sterne und sind miteinander verbunden. Einige wenige wie Valashu spüren das mit einer großen Klarheit. Jede Empfindung, jedes Gefühl, die ein anderer erfährt, erfährt auch er. Wenn die Liebe Ataras Herz so leicht macht wie Luft, schwebt er wie ein Falke im Wind. Umgekehrt jedoch spürt er auch den Schmerz von Kriegern, die im Kampf in Stücke geschlagen werden, wie seinen eigenen. Wenn er sich zum Töten bringt – wenn sein Schwert Fleisch und Nerven anderer durchdringt – werden ihre Todesqualen zu einer schrecklichen Qual, die auch ihn beinahe in den Tod reißt.

Diese Empathie ist wie ein Fluch für Valashu. Er muss sich sehr anstrengen, um den Helden zu spielen. In seinen schlimmsten Augenblicken würde er sich seiner Gabe entledigen, wenn er könnte.

Er braucht lange, bis er versteht, wie sich das Valarda als Waffe einsetzen lässt – als eine Waffe des Friedens! Mahatma Gandhi hat in unserer Welt von Satyagraha gesprochen, oder der Seelenkraft. Er setzte sie ein, um die Herzen von Millionen zu öffnen und brachte so ein großes Reich dazu, die Rechtschaffenheit seiner Sache zu erkennen. Das Valarda wirkt auf ähnliche Weise. Es öffnet sowohl Val als auch sein Volk für ihre besten Möglichkeiten. Wenn wir wahrhaftig alle Männer als Brüder empfinden, alle Frauen als Schwestern, wie könnten wir dann Krieg gegen sie führen? Wenn ihr Leiden zu unserem Leiden wird, wie könnten wir dann nicht eine gerechte Welt für alle schaffen?

 Ich sehe in der Entwicklung von Empathie die einzige echte Hoffnung für die Menschen. Sie muss erblühen wie die leuchtenden Blüten des Astorbaums, wenn wir uns von den Ardun zu den Valari weiterentwickeln wollen – und weiter zu der Verwirklichung unserer Herrlichkeit als Elijin und Galadin.

 Diese große Bewegung zum Göttlichen hin zieht oder schiebt meine Figuren auf ihr Schicksal zu, aber ich schreibe auch von anderen Möglichkeiten. Ich beschreibe auch Wunder: die magischen Wälder, die Vilds genannt werden, die sich zum Teil auf Ea, zum Teil auf anderen Welten befinden; die Sprache, die eine Art Musik ist, in der kein Mensch lügen kann; die Gelstei, die die Macht verleihen, sich mit dem Geist von Walen zu verbinden; das Wesen aus reinem Licht namens Flack. Manchmal denke ich, Fantasy – und auch Science Fiction! – wären bedeutungslos, wenn sie uns nicht mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Transzendenz erfüllten.

Beides ist natürlich in dem kleinen goldenen Becher enthalten, der Lichtstein heißt. Er kann so hell gleißen wie eine Million Sterne, und er bewahrt das ganze Universum. Er bewahrt auch große Macht. Wer kann ihn je einsetzen? Wer kann seine Magie und sein Mysterium erfassen?

Morjin, ein gefallener Engel vom Rang der Elijin, hat ganze Zeitalter damit verbracht, genau das zu tun. Wenn Valashu Elahad bereit ist, sein Schicksal anzunehmen, wird er seine Queste nach dem verlorenen Lichtstein bis zum Ende weiterführen und gegen jenen Dunklen Herrscher kämpfen müssen. Aber wie kann er das tun? Schließlich hat ihm ein großer Prophet geweissagt: "Sein Schicksal ist auch deines. Wenn du ihn tötest, tötest du dich selbst."

Dies ist die Macht des Valarda. In Vals Gabe liegt eine grundlegende Wahrheit des Universums: Dass ein schimmerndes Netz reinen Seins alles verbindet. Wir können keinen einzelnen Strang der Schöpfung herausziehen, ohne auf irgendeine Weise auch an uns selbst zu zerren.

Ich liebe Fantasy, weil sie mir die Möglichkeit gibt, dieses Wunder in schlichter Form zu zeigen – so leuchtend und rein wie die messerscharfe Klinge von Vals schimmerndem Schwert.