Zu Band 2

Die Menschen auf Ea bezeichnen Morjin als den »Herrn der Lügen«. Morjin, einst ein stolzer Elijin, war ursprünglich nach Ea gekommen, um einer herrlichen Bestimmung zu folgen – und musste dann seinen tiefsten Fall, seine größte Entwürdigung erleben. Einer der Gründe für diesen Fall liegt darin, dass er gelogen hat.

Wer hat nicht selbst schon hundertmal auf hundert verschiedene Arten und Weisen gelogen? Wir lügen bei großen Dingen wie der Ehemann, der eine abstruse Geschichte erfindet, um seine Frau zu täuschen, die er im Glauben lassen will, er hätte sie nicht betrogen, obwohl er gerade die Nacht mit einer Anderen verbracht hat. Wir lügen bei Kleinigkeiten, indem wir ein mittelmäßiges Mahl loben, das ein Freund oder eine Freundin zubereitet hat, und behaupten, es hätte uns vorzüglich geschmeckt, oder indem wir einer Freundin versichern, dass ihr die neue Frisur gut steht. Das alles sind Dinge, die wir als Notlügen bezeichnen. Im zweiten Band meines Fantasyzyklus widme ich mich den wirklich großen, schlimmen, echten Lügen der übelsten Sorte: unseren Selbstlügen.

Valashu Elahad, dieser edle Prinz aus Mesh, sieht sich wie die meisten von uns nicht gern als Lügner. Sein Volk, die Valari, verabscheuen Lügen und Lügner sogar richtig. Ein Krieger der Valari lernt drei Dinge: ein Schwert zu führen, dem Gesetz des Einen zu folgen und die Wahrheit zu sagen.

Was aber ist die Wahrheit? Erkennen wir sie immer, wenn wir sie sehen oder hören? Ich erinnere mich manchmal an eine Partnerschaftsseite im Internet, die ich früher genutzt habe: Match.com. Ich vermute, dass viele Leute ganze Jahre aus ihrem Profil streichen, weil in unserer Kultur Jugendlichkeit gewöhnlich höher eingeschätzt wird als Reife. Trotz des offensichtlichen Nutzens dabei, jünger zu wirken, würden die meisten sich allerdings unwohl dabei fühlen, das wahre Alter auf diese Weise zu senken; wir erkennen darin eine offensichtliche, wenn auch recht kleine Lüge. Aber was ist mit einer Frau, die ihre Altersflecken mit teurem Make-up bleicht, sich Botox-Injektionen verabreichen lässt, um ihre Falten zu glätten, und ihre grauen Haare dunkelbraun färbt? Versucht sie damit nicht, für potentielle Partner jünger auszusehen? Ist das nicht eine Art Betrug? Aber wie viele von uns würden so etwas als Lüge bezeichnen?

Durch die Macht der Illusionen, die Morjin dem Verstand anderer Menschen aufdrückt, erscheint er ihnen als engelsgleiches Wesen von schöner Gestalt und schönem Antlitz. Er wirkt muskulös und gebräunt wie ein Surfer am Strand. Seine goldenen Augen scheinen Mitgefühl auszustrahlen. Valashu Elahad sieht Morjin aber letztlich so, wie er wirklich ist:

»… ein schrecklicher und grauenhafter Anblick. Seine Augen waren ganz und gar nicht golden, sondern vielmehr von einem Übelkeit erregenden Rot. Die Iris war von ocker- und eisenfarbigen Pigmenten überzogen, während das Weiß blutunterlaufen war, als fände er niemals Schlaf. Seine helle, fleckige Haut war auf ähnliche Weise mit einem Netz aus geplatzten Äderchen überzogen. Unter den Augen waren tiefe Tränensäcke, und seine glanzlosen grauen Haare waren zum großen Teil ausgefallen. Sowohl in der Haut, die ihm schlaff vom Hals hing, als auch in seiner räuberischen Haltung lag ein gieriger Hunger nach Lebenskraft und verlorener Liebe.«

Morjin täuscht andere natürlich absichtlich auf diese Weise, denn auf diese Weise kann er leichter Macht über sie erlangen. Er begreift nicht, wie sehr er unbewusst danach strebt, selbst seine Lüge zu glauben – weil er sich unbedingt als strahlendes Wesen sehen muss. Fühlen wir uns nicht alle insgeheim jung und schön in unserem Innern? Morjin will sich nicht eingestehen, dass seine Illusionen ihm selbst fast genauso viel Schaden zufügen wie der Welt.

Weshalb ist die Selbstlüge die schlimmste aller Täuschungen? Weil wir in dem Moment, in dem wir uns vormachen, Übles wäre schön und Schwarz wäre Weiß, in der Lage sind, Böses zu tun und für das Gute zu halten. Das, was Menschen für das Gute halten, tun sie stets mit sehr viel größerer Inbrunst als Böses. Tatsächlich weiden sich im echten Leben nur Wahnsinnige daran, Böses zu wirken.

Adolf Hitler hat man so bezeichnet, aber ich glaube nicht, dass er das war. Er hat seine Armeen in den Osten geschickt, um Millionen von Polen und Russen zu vernichten; er wollte für seine Deutschen Lebensraum schaffen, so dass sie mehr Platz zum Leben hätten und weitere Deutsche gebären könnten. Dass andere Menschen, die ihm dabei im Wege standen, dafür mit Bomben getötet werden und verhungern mussten, mit Maschinengewehren erschossen und vergast werden mussten, als wären sie Ratten – was bedeutete dies für ihn? Er sah in dem Massenmord etwas Gutes für sein Volk – und auf eine grausame Art und Weise wäre es das auch gewesen, hätte er Erfolg gehabt. Natürlich wäre es für die Deutschen andererseits vollkommen furchtbar gewesen, hätten sie den Krieg gewonnen, denn niemand kann anderen Schaden zufügen, ohne sich nicht auch selbst zu schaden. Die Lüge, die Hitler sich eingeredet hat, bestand darin, dass er glaubte, gute Deutsche könnten unaussprechliche Gräueltaten verüben und dabei trotzdem noch gut bleiben.

Valashu Elahad möchte wie die meisten von uns daran glauben, dass er gut ist. Er hat erlebt, das Morjin so böse Taten begangen hat, wie ein menschliches Wesen es nur tun kann. Fantasy-Literatur arbeitet oft mehr als andere Literatur mit dem Gegensatz von Gut und Böse. Indem sie Mythen benutzt und das Urtümliche freilegt, zeigt sie wahre Helden, die eine Art ewig manichäische Schlacht des Lichts gegen das Dunkel führen. Wir möchten verzweifelt gern wissen, was das eine ist und was das andere. Weshalb sehnen wir uns so nach dieser Klarheit? Vielleicht sollte die Frage besser lauten: könnte es anders sein? Wir sind moralische Wesen, und als moralische Wesen wollen wir wissen, wie wir in der Welt handeln sollen.

Aber wie unterscheiden wir falsch von richtig? Viele von uns verlassen sich auf moralische oder religiöse Gesetze, wie sie etwa im Koran oder in der Bibel festgelegt sind. Valashus Volk versucht nach dem grimmigen, aber edlen Kodex der Valari-Krieger zu leben. Dieser Kodex kann jedoch – wie es überhaupt nie ein Kodex tun kann – nicht die ganze Vielschichtigkeit von Vals Welt abdecken. Vor allem kann er Val nicht die Antwort auf die brennende Frage geben, die sowohl sein eigenes Schicksal wie auch das von Ea bestimmen wird: Ist Val der Maitreya, der Strahlende, der den Lichtstein zu seiner höchsten Bestimmung führen kann?

Vieles deutet darauf hin, dass Val dieses Wesen mit der überaus großen Seele ist. Mehrfach wird er dazu verleitet, den goldenen Kelch für sich zu beanspruchen. Weshalb kennt er seine Bestimmung nicht? Weshalb weiß er nicht, wer er wirklich ist? Woher wissen Menschen, selbst Auserwählte, solche Dinge?

Wir sprechen manchmal von unserem Gewissen. Und manchmal spricht unser Gewissen selbst, wie eine kleine Stimme in unserem Kopf, die uns sagt, was richtig und was falsch ist. Ich habe diese Stimme oft gehört. Wer auch nicht? Normalerweise handelt es sich bei der Unterscheidung des Gewissens von richtig und falsch um moralische Fragen, wie zum Beispiel: sollen wir Mörder dafür hinrichten – töten -, dass sie das Verbrechen begangen haben, andere zu töten?

Ich habe darüber hinaus noch eine andere Stimme gehört, eine tiefere. Ich bezeichne sie als die Stimme meiner Seele. Diese Stimme scheint stets noch tiefere Wahrheiten auszusprechen, die ich selbst unmöglich wissen kann. Dabei geht es nicht nur um richtig und falsch im moralischen Sinne, sondern um den Unterschied von richtigen und falschen Handlungen, so als gäbe es einen außerordentlich bewussten und achtsamen Teil in mir, der irgendwie weiß, wie sich alle Dinge auf natürliche Weise entfalten sollten. Diese Wahrnehmung, die eigentlich mehr eine Kraft ist, befindet sich jenseits von bloßem Gut und Böse, so wie auch das Universum jenseits davon ist. Oder anders ausgedrückt: sie versucht, über das lediglich moralisch Gute hinaus eine höhere Bestimmung zu erreichen, einer höheren Bestimmung zu dienen: nämlich der, die das Leben in seiner Entwicklung zum Göttlichen hin befördert.

Woher könnte ein solcher Sinn stammen? Wie könnte er sich entwickeln? Ich glaube, dass die individuelle Seele teilhat an der Seele des Universums, die alles weiß, was es zu wissen gibt. Sie spricht manchmal mit einer Stimme zu uns, die wie Donner dröhnt, wie sie es auf dem Berg zu Moses getan hat, als er den brennenden Dornbusch erblickt hat und seine göttliche Weisung bekam, die alten Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten zu führen. Manchmal können wir diese Stimme draußen in der Wildnis der Welt hören, im Heulen der Wölfe über einem gefrorenen See oder in dem langen, dunklen, ewigen Rauschen des Ozeans. Wir können sie im Wind hören – in jenem Hauch reinen Geistes, der stets durch unsere Herzen weht. Diese Stimme weiß immer Bescheid. Sie ist gewissermaßen das reine Wissen. Und sie hört nie auf, in unserem Inneren zu flüstern.

Allzu oft hören wir sie nicht, oder, wenn wir sie doch hören, achten wir nicht auf sie. Wir haben hunderte Gründe, es nicht zu tun. Darin ist Valashu Elahad nicht anders als jeder andere Mensch. Er, ein ausgesprochen guter Mensch, hat einen sehr starken Drang, Gutes zu tun, und er verfolgt diese Bestimmung mit sehr viel Kraft. Als er sich jedoch weigert, auf die Stimme seiner Seele zu hören, läuft seine Bestimmung in die Irre. Und so bringt er großes Übel über sein Volk, seine Familie und sich selbst.

Der magische Stein hat dunkle Momente, aber in Der Herr der Lügen wird es tatsächlich richtig düster. Es ist eine Geschichte um Rache: Morjin übt schreckliche Vergeltung an Val für dessen »Verbrechen«, sich ihm zu widersetzen. Die daraus folgende Qual ist beinahe mehr, als Val ertragen kann. Sie bringt ihn einen Schritt weiter auf dem Pfad der Erkenntnis, dass er wie Morjin werden könnte – dass er und Morjin auf eine tiefliegende Weise ein und dasselbe sind. Val wendet sich auch von dieser Wahrheit ab. Er würde eher sterben als die flüsternde Stimme in ihm selbst zu akzeptieren.

Val könnte seine Schlachten – die inneren und die äußeren – nicht ohne die Liebe seiner Gefährten überleben. Ganz besonders verlässt er sich auf Keyn, der ganze Zeitalter lang unvorstellbares Leiden ertragen hat. Keyn ist wie Morjin ein Gefallener aus dem Orden der Elijin – er ist nur nicht so tief gefallen. Keyn sperrt die wunderschöne Stimme seiner Seele in der grausamen Absicht aus, sie zum Verstummen zu bringen: er verleugnet nicht nur seine höchste Bestimmung, sondern auch seinen wahren Namen. Er erzählt Val, dass es keine bösen Menschen gibt, nur böse Taten. Er glaubt, dass das Böse nicht anders als mit den eigenen bösen Waffen geschlagen werden kann.

Und doch will Keyn – wie Val – ein größeres Gutes hervorbringen. Er erzwingt es mit einem glühenden Willen, der beinahe so wild und feurig ist wie der Wille der Welt selbst. Und so trachtet er trotz allem immer wieder danach, Gutes zu tun. In ihm stehen sich mehr als in jeder anderen Figur, die ich jemals geschaffen habe, zwei Kräfte gegenüber, die sich tödlich bekriegen.

Und wie es für ihn jahrtausendelang war, so wird es auch für Val sein. Wie Keyn zu ihm am Ende des Buches sagt: »Zwei Wölfe kämpfen jetzt in deinem Herzen. Der eine Wolf ist rachsüchtig und heult vor Hass. Der andere ist mitleidsvoll und weise.«

Welcher Wolf wird diesen erbitterten Kampf gewinnen?, fragt Val. Die Antwort des unsterblichen Elijin, der es nur zu gut weiß, lautet: »Derjenige, den du nährst.«

Dies ist eine Wahrheit, die nicht einmal der Herr der Lügen leugnen kann.