Zu Band 3

»In diesem umfangreichen Roman – dem zweitlängsten, den ich je geschrieben habe –, wurde ich zum Folterer. Ich musste die Grenzen meiner Figuren ausloten, musste die Wahrheit über sie herausfinden. Daher habe ich ihren Körpern mit Feuer, Eis und Stahl zugesetzt, während ich gleichzeitig ihre Seelen einem so schrecklichen Durst unterworfen habe, dass die meisten Menschen lieber sterben würden als ihn ertragen zu müssen.

Keyn kommt dem Tod so nah wie noch nie zuvor. Meister Juwain und Liljana reißen die Wunden zwischen ihren uralten Orden auf – und zerfetzen einander beinahe. Val will Maram töten, weil sein bester Freund dabei ist, einem schlimmen Ende entgegenzutrinken. Maram, der die Genüsse des Lebens mehr als jeder andere Mensch begehrt, findet stattdessen einen unablässigen Schmerz. Seine Haut wird von glühendem Sand und brennender Sonne geschwärzt. Verzweiflung bricht seine Willenskraft. Er fühlt sich getrieben, die Queste und seine Freunde aufzugeben, und – vielleicht ganz besonders – sich selbst.

Noch bevor meine Helden das schreckliche Tar-Harath in der Roten Wüste erreichen, müssen sie sich dem noch schrecklicheren Skadarak stellen. Mitten in dem verderbten Wald befindet sich die Schwarze Jade, ein verfluchter Kristall, der in der Erde vergraben ist. Durch diesen uralten schwarzen Gelstei greift Morjin die Gefährten an. Das dunkle Herz der Erde ruft den dunklen Teil an, der in jedem von ihnen ist – und den von Val ruft es am lautesten.

Ich hatte Fragen, auf die ich Antworten wollte: Was ist das Wesen von Gut und Böse? Kann uns der Glaube an Ersteres, der sich etwa im Tragen eines magischen Talismans zeigt, vor Letzterem bewahren? Oder werden böse Taten eher aufgrund einer Willenskraft vermieden? Was ist der Wille eigentlich? Woher kommt er? Sind unsere Seelen wirklich frei?

In dem Versuch, diese möglicherweise gar nicht zu beantwortenden Fragen zu beantworten, lieh ich mir ein Bild aus der Wissenschaft und der Science Fiction: das Schwarze Loch. Die Gleichungen der Physiker beschreiben eine Materie, deren Masse so dicht ist – wie ein gefrorener Stern –, dass sie anfängt, nach innen in sich zusammenzufallen. Ein Schwarzes Loch erzeugt ein derart mächtiges Gravitationsfeld, dass alles angezogen wird, was ihm zu nahe kommt – alles, das eine Grenze überquert, die als Ereignishorizont bekannt ist. Jenseits dieses Punktes, von dem es keine Umkehr mehr gibt, wird alles zu einer Art unendlichen Schwärze zermalmt. Nicht einmal Licht kann der schrecklichen Anziehungskraft entkommen.

In Der Verfluchte Wald wollte ich über ein Schwarzes Loch der Seele schreiben. Der Skadarak, was immer er tatsächlich ist und wie seine stoffliche Natur auch aussehen mag, macht sich an den tiefen Strukturen der menschlichen Psyche zu schaffen. Er zieht Menschen an. Ich wollte auch auf eine andere Frage eine Antwort: Wenn der Mensch sich einmal in einem metaphorischen dunklen Wald verfangen hat, kann er dann jemals den Weg zurück zum Licht finden?

Keyn glaubt daran. Er muss es glauben. Am Ende von Der Herr der Lügen sagt er zu Val: »Es gibt keine bösen Menschen. Nur böse Taten.«

Diese Ansicht ist mir in einem alten Sufi-Lied begegnet, das die Menschen ermutigt, die Schwierigkeiten des spirituellen Weges auf sich zu nehmen und zu überwinden:

Komm, komm, wer immer du bist,
diese Karawane kennt keine Verzweiflung,
auch wenn du deine Eide gebrochen hast,
vielleicht zehntausend Mal,
komm, komm wieder.

Ich selbst habe mich – sogar noch mehr als Keyn – mindestens zehntausend Mal seit meiner Kindheit enttäuscht, da ich immer glauben wollte, dass ich mein Leben besser leben könnte. Stets wollte ich jede böse Tat, die ich begangen hatte, durch zehn gute Taten ausgleichen. Ich wollte glauben, dass ich, wann immer ich in die dunkelsten Löcher in meinem Innern stürzte, einen Weg finden könnte, da wieder herauszuklettern.

Val, der mit Mitgefühl für andere Wesen gesegnet – oder vielleicht verflucht – ist, empfindet genauso. Irgendwann nehmen er und seine Begleiter einen tödlichen Droghul gefangen: einen Menschen, der gezüchtet und geboren wurde, um als Nachahmung von Morjin zu dienen. Der Droghul ist eine Art lebendige Marionette, an deren Fäden der Herr der Lügen aus der Ferne zieht. Er kontrolliert alles, was der Droghul denkt, fühlt und tut. Oder besser fast alles. Denn irgendwo im Innern des Droghul brennt die Flamme des eigenen Selbst und des freien Willens. Wie Pincchio sehnt sich der Droghul danach, ein echter, eigener Mensch zu sein. Und der Droghul spürt wie alle von uns insgeheim den Drang, das Böse hinter sich zu lassen und sich dem Guten zuzuwenden.